24. Juli 2010 – 11. August 2010 – Skandinavien / Nordkap / Baltikum

In der Zeit vom 24.07. bis zum 11.08.2010 erfüllte ich mir den Traum, allein mit dem Motorrad zum Nordkap zu reisen. Mir standen prinzipiell 28 Tage zur Verfügung, von denen ich 19 Tage benötigt habe.
Auf dieser Reise gingen Wünsche in Erfüllung, ich wurde überrascht, war erstaunt, erlebte Dinge von denen ich nicht dachte, dass auch ich sie erleben werde und ich wurde niemals enttäuscht. Wenn man mich fragt ob ich alles noch einmal genauso machen würde, würde ich sofort ja sagen.

Damit ich mir auch noch in vielen Jahren Erinnerungen diese Reise ins Gedächtnis zurückrufen kann, habe ich täglich mein Reisetagebuch geführt. An jedem Morgen notierte ich den Kilometerstand meiner Suzuki Bandit, ermittelte die aktuelle GPS-Position mit meinen iPhone und schätzte das Wetter ein. Meinen Reisebericht habe ich entsprechend strukturiert.

Ausrüstung und Packliste:

Die wichtigsten Komponenten meiner Reiseausrüstung sind auf der Seite Ausrüstung zusammengestellt. Die komplette Packliste für diese Reise befindet sich hier:

AusrüstungsgegenstandAnzahl
Dokumente und Finanzen
Personalausweis / Reisepass1
Grüne Haftpflichtversicherungskarte1
Fahrzeugpapiere1
Führerschein1
Impfpass1
Camping Card Scandinavia (CCS)1
Bargeld1
Kreditkarte1
EC-Karte1
Kleidung
T-Shirts3
Weste1
Regenjacke1
Zip-Hose1
Socken4
Unterwäsche5
Badelatschen1
Funktionsunterwäsche4
Fahrerausrüstung
Motorradstiefel1
Jacke1
Hose1
Helm1
Handschuhe2
Sturmhaube1
Windstopperhose1
Windstopperkragen1
Sonnenbrille1
Gehörschutz1
Regenkombi1
Ersatzteile und Werkzeug
Bordwerkzeug1
Flachsicherungen8
Zündkerzen4
Reifenventile2
Reifenreparaturset1
Kabelbinder1
Navigation und Kommunikation
GPS1
Landkarten1
Handy (inkl. Ladegerät)1
Reiseführer1
Streckennotizen und Adressen1
Hygieneartikel
Toilettenpapier1
Duschbad1
Zahnbürste1
Zahnpasta1
Großes Handtuch1
Medizinische Versorgung
Insektenschutz2
Schmerzmittel/Erkältungsmittel1
Augentropfen1
Erste-Hilfe-Set1
Camping
Zelt1
Zeltunterlegplane1
Heringe1
Isomatte1
Schlafsack1
Kopfkissen1
Kochen
Falteimer1
Kocher1
Kochertreibstoff1
Kochtöpfe1
Becher1
Besteck1
Trockentuch1
Geschirrspülmittel1
Verschiedenes
Feuerzeug1
Waschmittel in der Tube2
große Plastikbeutel / Müllbeutel1
Taschenmesser1
Spanngurte3
Stift1
Reisetagebuch1
Stirnlampe1
Speicherkarten4 (20 GB)
Kamera (inkl. Ladegerät)1
Motorradschloss1
Packsack1
Wäscheleine/Schnur1
Lebensmittel
Tee24 Beutel
Kaugummis3
Müsli1000g
Trockenfrüchte250g
Milchpulver250g
Pasta-/Reisgerichte7
Tütensuppen8

Übersichtskarte (Google Earth Screenshoot):

gesamte Reiseroute als KML-Datei (auf 5000 Wegpunkte reduziert; kompatibel zu Google Earth)

Tag 01: „Basislager“ Zepernick bei meinen Eltern – Tacho: 33410 km – Position 52.654588 / 13.546735
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Erst um 1:30 Uhr am Morgen kam ich von der Hochzeit eines guten Freundes zu meinen Eltern. Geschlafen hatte ich also recht wenig, bevor ich am Morgen um 8 Uhr wieder erwachte. Ich war aufgeregt, konnte die Tragweite meines Vorhabens doch noch nicht richtig fassen. Monatelang habe ich auf diesen Tag hingearbeitet, mir die zuvor nicht existente Ausrüstung beschafft und unzählige Stunden recherchiert, um nicht unvorbereitet in dieses Abenteuer zu starten. Mein Motorrad stand in der Garage und ich musste nur noch aufsatteln und losfahren.
Nach einem letzten Frühstück ging es um 9:45 Uhr auf große Fahrt. Vor mir lagen zwei Tage „Pflichtprogramm“ bevor mein eigentlicher Urlaub beginnen sollte. Etwa 600 km Autobahn vom Nordosten Berlins bis vor die erste große Brücke in Dänemark. Ich wollte zum Motorradreisen aufbrechen, was für mich bedeutete möglichst keine vermeidlichen Fähren zu nutzen. Eine Überfahrt von der Ost- oder Nordsee nach Schweden oder Norwegen war für mich ausgeschlossen.
Auf den deutschen Autobahnen ist man nur einer von vielen. Die Distanz bleibt immer gewahrt und nur selten kommt man ins Gespräch. An diesem Tag sollte ich völlig auf mich gestellt unterwegs sein, ohne in Kontakt zu anderen Reisenden zu treten. Gerade auf diesen ersten Kilometern war ich noch sehr skeptisch was das Speedpack und die aufgesetzte Zelttasche anging. Ich befürchtete die Tasche könnte zu den Seiten herunterrutschen oder die Zurrgurte durch die Erschütterungen reißen. Regelmäißg kontrollierte ich die Befestigungen und den Sitz der Tasche.
Die Route des ersten Tages bot weder Überraschungen, noch sehenswerte Highlights.
In Dänemark angekommen hatte ich meine erste Begegnung mit einer Automaten-Tankstelle. Nach wenigen Minuten „Einarbeitung“ in die Handhabung, war der Bauch der Suzuki wieder gefüllt und es konnte weiter gehen.
Mit dem Erreichen meines ersten Tageszieles lag ich voll im Plan. Der Campingplatz in Nyborg lag direkt am Meer mit Blick auf die erste große Brücke in Dänemark, die ich am kommenden Morgen überqueren würde. Das erste Mal in meinem Leben checkte ich auf einem ausländischen Campingplatz ein und ich freute mich, als ich stolz meine Camping Card Scandinavia vorlegen konnte, als ich danach gefragt wurde. Ich war gut vorbereitet.
Ich suchte mir einen Platz für mein Zelt, baute es auf und kochte mir mein Abendbrot.
Der Ausblick war fantastisch. Das Meer rauschte vor mir und in der Dämmerung war die Storebæltsbroen erleuchtet. Ich genoß den Abend und die frische Brise am Wasser.

Tag 02: Campingplatz Nyborg (DK) – Tacho: 34039 km – Position 55.304757 / 10.826662
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Ich hatte bis 5:50 Uhr ganz gut geschlafen, wobei ich durch das minimale Gefälle des Öfteren beim umdrehen von der Isomatte rollte. Wäre die Therma-Rest-Matte mehr gummiert oder rauer, würde mein Schlafsack auf der Matte bleiben.
Gleich am ersten Morgen auf meiner Reise konnte ich noch allen Luxus nutzen. Frisch geduscht, hatte ich mir mein mitgebrachtes Frühstück zubereitet. Müsli, dazu Trockenfrüchte und mit Milchpulver wiederhergestellte Milch. Ich war überrascht wie gut das schmeckt und wie sehr es sättigt.
Auf dem Campingplatz in Nyborg gibt es WLAN, was ich ein letztes Mal nutzen wollte, um die Daheimgebliebenen von der ersten Nacht und meinen Plänen für den Tag zu berichten.
Mein heutiges Tageziel sollte Norwegen sein, was weitere 600 km entfernt liegt. Um 9:30 Uhr ging es wieder auf die Straße. Die erste große Brücke, die Storebæltsbroen, hatte ich vor Jahren schon einmal überquert. Ein beeindruckendes Bauwerk. Als ich an Kopenhagen vorbeifuhr, hatte ich nur noch Neuland vor mir. So weit im Norden war ich zuvor noch nie. Von der zweiten Brücke war ich etwas enttäuscht, ich hatte ein ähnlich spektakuläres Bauwerk erwartet, doch die Öresundbrücke hat mir architektonisch weniger gefallen.
Als ich die Brücke verließ hatte ich mein erstes Land durchquert, Dänemark lag hinter mir. Auf der Autobahn hatte ich wenig erwartet und wurde somit auch nicht enttäuscht.
In Schweden änderte sich die Fahrtrichtung. Wo es in Dänemark meist von West nach Ost ging, ging es in Schweden immer nach Norden. Auf der E6 Richtung Norwegen. Je weiter ich nach Norden vordrang desto mehr veränderte sich die Landschaft. Die Strecke wurde bergiger und hin und wieder tauchten Felsen auf.
Auf dem letzten Drittel meiner Tagesstrecke regnete es. Aus irgendeinem Grund ließ ich beim Anziehen meiner Regenkleidung die Latex-Überhandschuhe weg, so dass diese auf den letzten 200 km fast durchnässten.
Die E6 wandelte sich kurz vor Norwegen zu einer kurvigen Fernverkehrsstraße. Hier wurde gebaut und ich stand etwa 40 km vor der Grenze im Stau. Ich traf einen norwegischen Biker, der mich fragte wo ich hin wolle. Wir unterhielten uns kurz und fuhren dann an den, im Stau parkenden, Autos vorbei. Insgesamt sah ich im laufe des Tages viele Deutsche.
Die Straße schlängelte sich hier durchs Tal und die Landschaft wurde immer vielversprechender, Wasser, Hügel, Felsen, doch was mir in den kommenden Tagen noch bevorsteht, ließ sich noch nicht erahnen.
In meinem Garmin Zumo 400 hatte ich nicht nur das Kartenmaterial von ganz Europa, sondern auch alle Campingplätze Skandinaviens gespeichert. Statt weiter, bis in die Nähe von Oslo zu fahren, steuerte ich kurz hinter der Grenze einen Campingplatz in Greaker an. Ich hatte mein Zielland Norwegen erreicht, ab jetzt konnte ich alles ruhiger angehen und die Länge der Tagesstrecken reduzieren.
In Greaker regnete es um 19:30 Uhr immernoch und da sich meine Kleidung so anfühlte, als wenn sowohl meine Füße als auch meine Hände Nass wären, wählte ich gleich für meine zweite Nacht eine feste Unterkunft in einem Zimmer. Leider war hier keine Hütte mehr frei.
Als ich meine Motorradkleidung ablegte stellte ich fest, dass die komplette Kleidung dicht gehalten hat. Die Außenhaut meiner Stiefel war komplett naß, doch innen war alles trocken. Das Zimmer und die Heizung würden nun ihr übriges tun und alles wieder komplett trocknen, bevor ich am Folgetag auf Entdeckungsreise gehen konnte.

Tag 03: Campingplatz Utna bei Greaker (N) – Tacho: 34711 km – Position 59.317882 / 10.980881
(Tagesstrecke als KML-Datei)

An meinem ersten Tag in Norwegen erwachte ich wieder recht früh. Ich hatte zwar sehr gut geschlafen, doch nicht so lange wie ich mir wünschte. Ich freute mich, in Norwegen angekommen zu sein und suchte erst einmal die Dusche auf. Leider musste ich feststellen, dass die Dusche extra kostet, so dass ich es beim waschen beließ. Das Zimmer hatte den Vorteil das ich Gas sparen konnte. Für meine morgendliche Thermosflasche voll Tee nutzte ich die vorhandene Kaffeemaschine.
Es regnete noch etwas, doch das hielt mich nicht davon ab Richtung Oslo aufzubrechen. Die Hauptstadt Norwegens sollte mein erstes Ziel sein. Auf der Route nach Norden ist es quasi unmöglich, die Stadt zu umfahren. Ich nutzte einen kurzen Stop am Hauptbahnhof, um ein paar Fotos zu schießen und die Euros die ich in den kommenden Tagen eh nicht brauche, in Norwegische Kronen zu tauschen. Bei einer hübschen blonden Norwegerin die mich mit einem Lächeln am Bankschalter begrüßte konnte ich außerdem das erste Mal auf meiner Reise ein wenig Englisch sprechen. Leider wurde um den Bahnhof herum viel gebaut, so dass ich nur schlecht Fotos von der nahen Oper machen konnte.
Da ich kein Interesse an Großstädten auf meiner Reise hatte verließ ich so schnell es ging wieder die Stadt. Ich hatte beschlossen von meiner geplanten Route abzuweichen und nicht nach Odda, sondern direkt zum Geiranger zu fahren.
Auf den zuletzt zurückgelegten Kilometern hatte ich schon festgestellt, dass meine entworfene und im Navi gespeicherte Route mehr Probleme machte als sie nützte. Statt mich auf der Route weiterzuführen, wollte mich das Garmin immer wieder zurückfahren lassen, obwohl ich eindeutig verneinte zum Anfang der Route zurückzukehren. Ich änderte also meine Vorgehensweise und suchte mir ab diesem Zeitpunkt Tagesziele auf der Norwegenkarte und steuerte diese mit dem Navi an.
Als Zwischenziel wählte ich Leira an der E16 aus, welches südöstlich vom Jotunheimen Nationalpark liegt. Ich hatte mir die E6 und die E16 als breite Schnellstraßen oder Autobahnen vorgestellt, doch beide waren hier nur schöne kurvige Landstraßen. Der Asphalt war, wenn auch manchmal etwas holperig, sehr gut. Schnell wurde mir klar warum ich dieses Land bereisen wollte. Wo ich hinschaute Berge, Felsen, tiefe Täler, Seen, Flüsse und Wasserfälle. Meine Reise hatte erst begonnen und ich war schon begeistert. Hinter jeder Kurve entdeckte ich neue traumhafte Flecken.
Unterwegs traf ich viele Leute u.a. zwei Schweden auf Enduros etwa in meinem Alter. Sie wollten in den kommenden Tagen den Süden Norwegens bereisen und streckten die Daumen nach oben, als ich ihnen von meinem Ziel erzählte. Sie fragten nach der geplanten Dauer und den Zwischenstationen. Das wir uns in den kommenden drei Tagen des Öfteren begegnen würden, war uns da noch nicht klar.
Leira war wenig interessant, hatte ich den Ort doch nur als Wegpunkt gewählt. Vor Fagernes stoppte ich, um mir in einem norwegischen Supermarkt Brötchen und Schokocreme zu kaufen. Ich nutzte die Gelegenheit mich ein wenig im Laden umzuschauen, welche Produkte so im Angebot sind und entdeckte viele Parallelen. Am See in Fagernes legte ich eine Pause ein, um mir die Brötchen schmecken zu lassen, das nun schöne Wetter zu genießen und mein nächstes Ziel zu wählen.
Ich fuhr die 51 Richtung Norden, um am Jotunheimen Nationalpark entlang zu fahren. Anfangs gab es noch Bäume in dieser wunderschönen Landschaft, doch bald wurde alles schlagartig kahl. Mir klappte regelrecht die Kinnlade herunter als ich mich auf dem Motorrad umschaute. Vor mir lag eine weite Hochebene ohne Bäume. Nur niedrige Sträucher, Moos und etwas Gras. Die Landschaft war umringt von felsigen Bergen. Die hüglige Hochebene war von Steinen übersäht und unterbrochen von unterschiedlich großen Seen. Um die Berge schraubte sich die Straße immer weiter nach oben den Wolken entgegen. Ich hielt immer wieder an, um Fotos von der atemberaubenden Landschaft zu machen. So nah an den Wolken regnete es auch immer mal wieder.
Ich hatte mir für meine Reise vorgenommen oft wild zu Campen und diese Landschaft lud regelrecht dazu ein. So hoch im Gebirge, nur Berge, keine Bäume und die Zivilisation Kilometer weit entfernt, dass war die Mischung die ich mir gewünscht hatte.
Erneut hielt ich in einer Haltebucht, um die kahle Landschaft um einen fernen See zu fotografieren. Auf diesem leeren Parkplatz stand nur ein Wohnmobil das ich zuerst gar nicht wahrnahm. Als ich gerade wieder aufbrechen wollte, kam ein älterer Mann aus Bayern in einer Harley-Lederweste und einem langen grauen Bart hinter dem Camper hervor. Er sprach mich hier oben im Nichts auf Deutsch an und fragte ob ich Hunger auf eine Bratwurst hätte, bevor er sie den Möwen verfüttert. Dieses Angebot schlug ich natürlich nicht aus.
Der gute ZZ (den Spitznamen trug er wegen seinem Bart und der Ähnlichkeit zu den Bandmitgliedern von ZZ Top) campte hier mit seiner Frau. Sie bereisen seit Jahren Norwegen und lieben dieses Land. Er erzählte mir viel von seinen Reisen und seinem Wunsch mal wieder mit der Harley ans Nordkap zu fahren. Nebenbei aß ich die drei verbliebenen Bratwürste, so dass die Möwen leer ausgehen mussten. Obwohl ich für ZZ die falsche Maschine fuhr, begleitete er mich noch zu meinem Motorrad und wir verabschiedeten uns. Ich dankte ihm für die leckeren, warmen Bratwürste und brach wieder auf.
Nur wenige Kilometer weiter entdeckte ich den idealen Platz für mein Nachtlager. Eine breite Ebene, durchbrochen von zwei schmalen Flüssen, umringt von Bergen mit Schnee auf den Gipfeln, die vielleicht 500 m Luftlinie entfernt waren. Am anderen Ende dieser Ebene schnitt ein tiefes Tal in die Berge, dass ich von meinem Lager jedoch nicht einsehen konnte.
Ich fuhr auf einem Schotterweg etwa 100 m von der Straße herunter und wählte dieses Lager. Hier oben war nur die Natur, das Wetter und ich. Um mich vor einem möglichen Wetterwechsel zu schützen baute ich zu allererst mein Hilleberg Zelt auf und kramte die dicke Wollmütze aus meiner Tasche. Die Wolken schnitten immernoch die Bergspitzen ab und der Wind war eisig. Ich nahm meinen Falteimer und holte mir frisches Wasser aus dem nahen Fluss, um zu kochen. Während mein Curry Reisgericht vor sich hin köchelte, fotografierte ich fleißig mit der Nikon D90. Dieses Panorama musste ich mit nach Hause nehmen. Hier oben war es schlecht ein Lebenszeichen nach Hause zu senden, denn das Mobilfunknetz war zum ersten Mal auf meiner Reise weg. Ich beschloss nach dem Essen früh schlafen zu gehen.

Tag 04: Jotunheimen Nationalpark an der 51 (N) – Tacho: 35055 km – Position 61.433365 / 8.796914
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Am Morgen wachte ich gut ausgeschlafen in meinem Zelt auf. Als ich den Schlafsack öffnete spürte ich die Kälte auf der Hochebene. Knapp 9 Grad waren es hier und der Wind hatte nachgelassen. In der Nacht hatte ich die Mütze aufbehalten, um mich vor der Kälte zu schützen, aber mein Schlafsack hält so wunderbar warm, dass ich angenehm geschlafen hatte. Als ich aus meinem Zelt kroch sah ich schon den blauen Himmel. Die Sonne war noch knapp hinter den Bergen, doch als sie sich endlich emporarbeitete erstrahlte die Landschaft um mich herum in ihrer ganzen Pracht. Der Schnee auf den Gipfeln glitzerte und das satte grün der Ebene wurde erleuchtet. Im nu kletterte das Thermometer. Ich kochte meinen Tee und fotografierte derweil jedes Detail der Landschaft ich war ergriffen von der Ruhe und Schönheit um mich herum. Hier oben im Nichts ist die Welt noch in Ordnung.
Nachdem ich meine Ausrüstung verpackt hatte, brach ich auf, um auf der 51 weiter nach Norden zu fahren. Diese Landschaft hier am Jotunheimen Nationalpark ist einfach traumhaft. Alle paar Kilometer hielt ich an, kletterte von meiner vollgepackten Maschine und kramte die Kamera raus. Ich hatte Motive vor mir, die mich in der Vergangenheit immer schwer beeindruckt haben. Nun war ich selbst an einem solch traumhaften Ort. Ich hielt an einem See, hinter dem sich schneebedeckte Berge erstreckten und dessen Gipfel sich im klaren, ruhigen Wasser spiegelten. Ein entdeckte ein landschaftliches Highlight nach dem anderen. Ich brabbelte in meinem Helm vor Begeisterung. Ich wusste schon jetzt das ich an diesen Ort zurückkehren muss, nur um allein hier ein paar Tage Erholung zu suchen und zu wandern. Ich überquerte einen reißenden Fluss dessen Wasser ein einem absolut klaren Türkis schimmerte.
Das Wetter war heute absolut perfekt. Das Thermometer kletterte in kurzer Zeit schon auf 28 Grad und das noch eingezogene Innenfutter in der Motorradkleidung rächte sich langsam. Gestern war es sehr kalt und heute fing ich an zu schwitzen.
Von der 51 bog ich auf de 15 ab, um südlich vom Reinheimen Nationalpark auf den Geiranger zuzufahren. An einem Hang abseits der Straße entdeckte ich ein kleines Mauthäuschen das meine Aufmerksamkeit erregte. Ich zahlte 85 Norwegische Kronen, um mit meiner Straßenmaschine über fünf Kilometer Schotterserpentinen hinaufzuklettern. Meist ohne Leitplanken kletterten wir die Piste nach oben. Am Gipfel angekommen parkte ich auf dem höchsten Punkt oberhalb des Geirangerfjords. Der Ausblick von dort ist fantastisch. Weit unten schlängelt sich die Straßen zwischen den Bergen hindurch, in Richtung Fjord. Von hier oben kann man kilometerweit sehen. Ich baute mein Stativ auf, um die vollen 200 mm mit meiner Kamera erfassen zu können und genoß den Ausblick. Umringt von hohen Bergen schnitt vor mir der Geirangerfjord ins Tal. Auf dem Fjord lief gerade ein Hurtigrutenschiff in den Hafen ein, um neben einem weiteren Kreuzfahrtschiff vor Anker zu gehen.
Hier oben sprach ich zwei Biker aus Essen, die gerade vom Nordkap kamen. Dies war die Gelegenheit Erfahrungen auszutauschen. Sie berichteten von stürmischen Windböen und Starkregen und mussten leider das Kap bei schlechtem Wetter erleben. Sie empfahlen mir den Campingplatz in Mittet aufzusuchen, der sehr günstig ist und bei dem alles inklusive ist.
Die Aussicht hier oben machte schnell klar, dass ich es auf den nächsten Kilometern nur noch mit Serpentinen zu tun bekomme. Die abenteuerlichste von allem lag direkt vor mir. Die fünf Kilometer Schotterserpentine die ich hier hinaufklettern musste, musste ich gleich wieder runter. Im ersten Gang und Motorbremse ging es hinab. Unten angekommen lobte ich mein Motorrad. Problemlos meisterte sie diese Strecke.
Weiter Richtung Geiranger erreichte ich schnell die Position von der aus die Postkartenmotive entstehen. Ich hielt erneut und nutzte die neue Spiegelreflexkamera. Für solche Motive habe ich sie extra gekauft. Ich hätte mich geärgert, wenn ich diese Bilder mit einer Kompakten gar nicht hätte erfassen können.
Ich war immernoch ein paar Kilometer oberhalb des Fjords und die traumhafte Aussicht blieb erhalten. Unten im Tal verabschiedete sich das Hurtigroutenschiff mit lautem, dreimaligen Hupen, machte kehrte und zog von dannen. Diese Landschaft aus dieser Perspektive zu erleben, soll auch einmalig sein.
Die Straße führte direkt am Hafen des kleinen Ortes Geiranger entlang und schlängelte sich auf der anderen Seite in weiteren Serpentinen wieder durch das Gebirge hinauf. Alle Kilometer bot sich ein Stop an, um erneut zu Fotografieren.
Auf meiner Route entlang der 63 liegt noch der Trollstigen den ich unbedingt befahren wollte. Die Landschaft riss nicht ab. Es ging immer rauf und runter, in nicht enden wollenden Kurven. Mein Gepäck vergass ich fast völlig. Ich spürte es nicht. Die Suzi meisterte die größten Steigungen problemlos und ich legte mich in jede Kurve. Beim Fahren behielt ich auf meiner ganze Reise immer im Hinterkopf, dass Geschwindigkeitsübertretungen in Skandinavien sehr teuer sind, so dass ich nie mehr als die erlaubten 80 fuhr. Gestört habe ich mich daran überhaupt nicht ganz im Gegenteil. Ich genoß dieses Cruisen durch dieses schöne Land und schaute mich gerne um.
Bei Eidsdal habe ich an der 63 meine erste Fähre genutzt. Mit dem Motorrad findet sich immer ein Platz auf dem kleinen Schiff und die Fjordüberquerung geht angenehm zügig von statten. Diese kleine Pause auf dem Wasser ist eine angenehme Abwechslung und mit um die 50 Kronen nicht allzu teuer.
An der 63 gibt es einen kleinen Parkplatz in dessen Nähe sich ein tosender Sturzbach seinen Weg in die Tiefe gebahnt hat. Unmengen von Wasser haben sich über Jahrtausende ihren Weg durch den Fels gegraben, über den man nun über metallende Wege gehen kann. Unglaublich diese Kraft des Wassers.
Nur wenige Kilometer weiter nördlich erreichte ich den Gipfel des Trollstigen. Hier kann man von am Berg angebrachten Plattformen in die Tiefe schauen und beobachten wie sich winzige Autos nach unten schrauben. Flankiert von zwei Wässerfällen links und rechts die hunderte von Metern in die Tiefe fallen, ist dies eine beeindruckende Aussicht. Der Pass liegt in 850 Metern Höhe, den man nach Norden nur über 11 Haarnadelkurven mit 12 % Steigung verlassen kann. Von oben herabblickend freute ich mich mit stolz darauf mit dem Motorrad diese Kurven zu bezwingen. Zuerst noch von oben fotografierend, würde ich bald die Perspektive von unten haben können.
Auf dem Weg nach unten hatte die Motorbremse wieder jede Menge zu tun. Hier zu schnell zu werden, kann böse enden. Die Straße windet sich nach unten über einen der beiden Wasserfälle, von dem man unterwegs nass wird, wenn man den Trollstigen bezwingt. Unten stoppte ich erneut, um mir mit stolz des Geschaffte anzuschauen. Als Motorradfahrer muss man unbedingt hier nach Norwegen kommen.
In einem der vielen Tunnel die ich bereits befuhr, traf ich auf Schafe. Hier in Norwegen wird der Natur noch den Vortritt gelassen. Neben Kühen, traf ich auf der bisher kurzen Strecke in diesem Land häufig auf Schafe auf der Straße. Fährt man vorsichtig und vorausschauend vorbei, stellen diese aber keine Gefahr dar.
Nicht weit nördlich liegt der kleine Ort Mittet an einem Fjord und ich wählte den empfohlenen Campingplatz als Nachtlager. Für nur 125 Norwegische Kronen konnte ich hier mein Zelt aufschlagen, WLAN, Dusche und Waschmaschinennutzung inklusive.
Die Dusche und die Waschmaschine kamen wie gerufen. Etwas überrascht von den über 35 Grad am Tag schwitzte ich in der Thermokleidung die ich noch vom Vortag trug. Frisch geduscht und die durchgeschwitze Wäsche gewaschen, kochte ich mir nur noch Essen und ging bald schlafen. Die Serpentinen haben heute Kraft gekostet.

Tag 05: Campingplatz Mittet (N) – Tacho: 35383 km – Position 62.700469 / 7.692106
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Als ich in Mittet in meinem Zelt erwachte musste ich feststellen, dass ich mittlerweile gut an das Schlafen im Schlafsack gewöhnt hatte. Ich schlief lange und gut. Zum Frühstück gab es wieder leckere, dicke Norwegenbrötchen und die haltbare Schokoladencreme die ich mir gekauft hatte.
Das WLAN nutzte ich immer, um kostenlos nach Hause zu telefonieren und Infos über meine Erlebnisse weiterzugeben. Andererseits habe mit meinem Telefon auch immer die Möglichkeit Informationen einzuholen. Laut Wettervorhersage sollte es bald regnen, was ich beim Blick nach oben auch befürchtete, so dass ich meine Ausrüstung schnell zusammenpackte bevor sie nass wird. Das diese Hektik den ganzen Tag unbegründet sein sollte, wusste ich bis dahin noch nicht.
Diesmal startete ich deutlich vorbereiteter in den Tag was meine Kleidung betraf. Kurze Funktionsunterwäsche, alle Lüftungen in der Motorradjacke geöffnet ging es weiter Richtung Trondheim. Von Mittet aus galt es erstmal einen Fjord zu umrunden, um auf die E39 zu kommen. Die Fahrten durch Norwegen bieten immer Abwechslung. An den Fjorden entlang fährt man viele Kilometer begleitet von Wasser auf der einen und Bergen auf der anderen Seite. In Trondheim war ich seit langem mal wieder in einer großen Stadt und ich spürte sofort, dass ich hier nicht lange bleiben wollte. Ich erhoffte mir, ein Internetcafe zu finden in dem ich Fotos hochladen konnte. Ich betrat ein TUI-Reisebüro in dem mich eine hübsche, blonde Norwegerin in ihrer Landessprache begrüßte und gleich anfing zu erzählen. Ich verstand kein einziges Wort und fragte sie ob sie Englisch oder Deutsche spreche. Sie lächelte und wir führten unser Gespräch auf Englisch weiter. Ein Internetcafe gäbe es hier nicht, ich könne es aber in der Bibliothek versuchen. Sie beschrieb mir den kurzen Weg und wünschte mir viel Glück. In der Bibliothek um die Ecke konnte mir zwar mit einem kostenlosen Internet geholfen werden, die PC’s waren aber administrativ so beschränkt, dass ich keine Chance hatte Fotos hochzuladen. Ich gab mich geschlagen und verließ die Stadt wieder.
Die Stadt verließ ich weiter Kurs Richtung Norden haltend. Ich wollte über die R17 nach Bodo fahren. Unterwegs musste ich einen Tankstop einlegen und probierte einmal einen dieser norwegischen Burger, die es hier häufig gibt. Die Burger sind nicht viel größer als ein gewöhnlicher McDonalds-Burger, kostet aber fast doppelt soviel wie ein Menü. 95 Kronen musste ich bezahlen.
Meine späte Abfahrt heute Vormittag und die bereits gefahrenen Kilometer bis zur R17, hielten mich dazu an nach einem Campingplatz Ausschau zu halten. Im Navi klang Namsos vielversprechend. Kaum angekommen fielen mir vier deutsche Motorräder auf. Die vier Herren kamen aus dem Umkreis von Bremen und wir kamen schnell ins Gespräch. Alle um die 50 rum, haben sie sich zusammengetan, um gemeinsam eine sehr ähnliche Route zum Nordkap zu fahren. Das ich diese Tour alleine fahre fanden sie bemerkenswert. Während ich mich mit meinem Zelt eincheckte, quartierten die vier sich in Hütten ein.
Ich suchte mir einen Platz am Rand und stellte mich ein paar Meter abseits eines Familienzelts hin. Die junge Frau die ihre Kinder beim Tretautofahren beobachtete, guckte anfangs skeptisch, doch wir fanden schnell eine Gemeinsamkeit. Ich schlug mein Nachtlager zufällig neben einer Familie aus Berlin-Mitte auf, was uns gegenseitig gleich symphatisch machte. Während ich mein Zelt aufschlug, unterhielten wir uns über das Woher, Wohin und Wielange. Die Familie fährt seit Jahren nach Norwegen und setzte sich dieses Jahr die Lofoten als Ziel.
Bevor ich zu Bett ging wusch ich einen Teil meiner Wäsche mit der Hand und hängte sie auf einer Leine auf, die ich zwischen meinem Zelt und meinem Motorrad gespannt hatte. Ein Abendbrot musste ich mir nicht mehr kochen, da der Burger am späten Nachmittag noch im Magen lag.

Tag 06: Campingplatz Namsos (N) – Tacho: 35831 km – Position 64.475341 / 11.578514
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Am Morgen bin ich erst um 10 Uhr in Namsos aufgewacht. Nachdem ich meine Sachen im Ansatz gepackte hatte, bereitete ich mir in der Küche mein Müsli zu und traf die Biker im Gemeinschaftsraum.
Der Campingplatz war der bisher mit Abstand teuerste auf meiner Reise, aber die Duschen waren trotzdem kostenpflichtig. Ich beließ es wieder beim Waschen und nutzte anschließend noch die Sitzgelegenheiten, um mein Reisetagebuch fortzuführen.
Einer der Biker kam vorbei und wir sprachen über die Routen der kommenden Tage und stellten fest, dass wir uns wahrscheinlich öfter wiedersehen werden. Ich wies sie noch auf die Kosten für die Geschwindigkeitsübertretungen hin, da sie deutlich schneller unterwegs waren. Im Gespräch ergab sich, dass mein Alleinreisen genau die richtige Entscheidung war. Einer von ihnen übernahm die Führung, so dass es schwer war ein eigenes Tempo zu fahren und es allen recht zu machen, was die Route betraf.
Von meinen Berliner Zeltnachbarn erhielt ich noch verschiedenste Tipps für die Weiterfahrt, so erzählten sie vom Polarkreiszentrum an der E6 und den Steinmännchen dort, empfahlen mir die Nachtfähre nach Bodo und meinten das die Chancen auf Elche zwischen Nachts um ein und um drei Uhr besser lägen.
Als ich um 11:15 Uhr den Campingplatz in Namsos verließ waren die Herren schon unterwegs.
Ich fuhr also auf der R17 dem Polarkreis entgegen und entschied meine Route so zu ändern, dass ich den Polarkreis an der E6 überquere und erst danach auf die R17 unterhalb von Bodo zurückkehre.
Die wunderschöne Landschaft riss nicht ab. Die Kombination aus Bergen und Wasser verschlug mir jeden Kilometer den Atem. Ich stoppte ständig und machte Fotos zur Erinnerung. Neben meinen kleinen Fotostopps wurde meine Fahrt heute durch vier Fähren unterbrochen. Während ich auf die zweite Fähre wartete, rollten die vier Bremer Biker von hinten heran. Ihre lange Mittagspause im Restaurant lies mich den Rückstand aufholen, obwohl ich immernoch deutlich langsamer unterwegs war als sie.
Auf dem Weg zur dritten Fähre führte ich die Gruppe an. Die Insel, auf der wir uns befanden, war nur 17 Kilometer breit, so dass wir uns eh spätestens auf der Fähre wieder getroffen hätten. Praktischer Weise hatte einer der Biker schon mehrere lange Fährfahrten mit dem Motorrad hinter sich, so dass ich hier lernen konnte wie ich mein Motorrad einfach aber effizient verzurren konnte. Die Maschine auf den Seitenständer gestellt, Handschuhe schützend auf die Sitzbank und einen Zurrgurt darüber gespannt, hält die Maschine für die 60 Minuten Überfahrt in der Senkrechten.
Während der Überfahrt muss das Fahrzeugdeck verlassen werden, was die Möglichkeit bietet eine Weile zu verschnaufen, Fotos zu machen oder in der gemütlichen Kantine etwas zu essen. Auch hier traf ich eine Familie mit einem Wohnmobil aus Münster. Ich half ihnen Familienfotos zu schießen und so kamen wir ins Gespräch.
Als wir die Fähre in Tjotta verließen brausten die vier davon, ohne die Norwegerin am Straßenrand wahrzunehmen die dort mit Warnblinkanlage stand. Sie deute mit der Hand an, das Tempo zu senken und anzuhalten. Als ich nach rechts schaute verstand ich was sie meinte. Neben der Straße befand sich eine von Bäumen umringte Wiese, an dessen Ende eine Herde Elche grasten. Ich stoppte mein Motorrad, packte die Kamera aus und nutzte diese einmalige Gelegenheit, Elche in freier Wildbahn zu fotografieren. Erst hatte ich ein solch traumhaftes Wetter in Jotunheimen, am Geiranger und Trollstigen und nun sah ich 11 Elche auf einmal. Die Tiere waren sehr unterschiedlich. Tiere mit diesen großen Schaufeln als Geweih und andere ohne. Ich war dankbar soviel Glück zu haben und froh das sich mein umsichtiges Fahren auszahlt. Die Tiere bemerkten das sich immer mehr Schaulustige an der Straße versammelten und zogen sich langsam und ruhig ins Dickicht zurück.
Auf meiner weiteren Fahrt gingen mir die Elche nicht aus dem Kopf und ich fuhr weiter die R17 entlang, noch langsamer und vertiefte mich in diese wundervolle Landschaft. Berge so weit das Auge reicht. Keine abgeholzten Wälder und alles Gesund. Auf all meinen Wegen fielen mir immer öfter die Schlagbäume an den Straßen auf, die offensichtlich dazu dienten die Straßen in verschiedensten Situationen unpassierbar zu machen, sobald es zu gefährlich ist sie zu befahren.
Unterwegs kaufte ich mir einen Nachschub an Brötchen und eine kleine Tüte Chips. Ich trödelte im Laden herum und fuhr erst nach einigen Minuten weiter. Als ich zur nächsten Fähranlegestelle kam, stellte ich fest das ich diese um wenige Minuten verpasste hatte. Es war 19:45 Uhr und die Folgefähre fuhr erst eineinhalb Stunden später. Ich setzte mich auf eine Bank, schrieb mein Tagebuch und überlegte wie ich zur E6 hinüberwechseln kann. Auf der Karte entdeckte ich den Svartisen am gleichnamigen Nationalpark. Der zweitgrößte Gletscher Norwegens liegt direkt oberhalb der 12 bzw. E6 und wird im Westen durch die R17 begrenzt. Um die E6 zu erreichen musste ich über die 12 fahren, so dass ich beides kombinieren konnte. Für mein Nachtlager erhoffte ich mir einen Weg an den Gletscher zu finden. Nördlich von Mo I Rana führte eine 21 km lange Stra0e an den Svartisen heran, doch als die befestigte Straße zu Ende ging fand ich nur einen See vor, der am Ende durch einen tosenden Wasserfall gespeist wurde. Es war schon 23:20 Uhr und das Wetter verhieß nichts gutes. Ich fand einen Platz direkt am milchig wirkenden See und schlug geübt mein Zelt auf. Meine zweite Nacht wildes Camping. Helligkeit war kein Problem für mich, denn hier oben im Norden wurde es nicht mehr dunkel.
Mir blieb keine Zeit für längere Erkundungstouren, so dass ich mich in meinen Schlafsack kuschelte und versuchte zu schlafen. In dieser Nacht lag ich in meinem Zelt während draußen der Regen auf mein Zelt prasselte, Donnergrollen ertönte und Blitze zuckten. In der direkten Umgebung gab es keine Bäume so dass ich zumindest nicht erschlagen werden konnte. Vom Blitz getroffen zu werden, mit einem stählernden Motorrad neben meinem Zelt wäre sicher einem sechser im Lotto gleichgekommen. Irgendwann konnte ich trotz des Regens einschlafen, denn die Blitze die mein Zelt hier im Tal ständig hell erleuchteten jagten mir auf Garantie keine Angst ein.

Tag 07: nördlich von Mo I Rana am Svartisen (N) – Tacho: 36226 km – Position 66.29410 / 14.11903
(Tagesstrecke als KML-Datei)

In der vergangenen Nacht und an diesem Morgen war ich auf meine Vorräte angewiesen. Ich konnte das milchige Wasser, mit dem der See vor mir gefüllt war nicht deuten und vermied es somit daraus zu trinken.
Es hatte zuerst aufgehört zu regenen, was mir Hoffnung machte. Als ich um 9:30 Uhr vollständig erwachte, war der Regen und das Gewitter jedoch zurückgekehrt. Ich wollte ungern um Regen zusammenpacken und hatte somit meine Abreise vom Wetter abhängig gemacht. Zeit hatte ich genug.
Gegen 11:30 Uhr hatte sich das Wetter beruhigt und ich ergriff die Chance mein Lager abzubrechen und meine Ausrüstung zu verpacken. Die Berge um mich herum umfassten den See, die Wolken hingen weiter tief. An den Hängen der Berge standen dunkle, dichte Bäume.
Ich kehrte auf die 12 zurück und wusste das mein Weg zum Polarkreis nicht mehr weit sein kann, da ich am Vortag bis tief in die Nacht in die richtige Richtung unterwegs war. Als ich auf der 12 um eine Ecke bog, sah ich wie ein gewaltiger Elch rechts von mir im Dickicht verschwand. Leider konnte ich ihn nur sehr kurz sehen.
Nach über 1200 km in Norwegen befuhr ich erneut die E6, die sich unverändert, schmal, kurvig und interessant durch das Land schlängelte. Am heutigen Tag war ich wieder in Regenkleidung unterwegs, denn das Wetter änderte sich lange nicht. Gut zwei Stunden benötigte ich bis ich den Polarkreis, den Arctic Circle erreichte. Auf den letzten Kilometern befuhr ich eine ähnliche Hochebene wie ich sie auch schon in Jotunheimen sah. Keine Bäume, Steine, Moos, meine Aufregung wuchs.
Nach fast 2911 km Reise war ich ergriffen von diesem Moment. Ich überquerte eine Linie, die nicht jeder in seinem Leben überqueren wird. Aus eigener Kraft war ich allein hierher gelangt und sehr stolz auf mich. Obwohl es hier am Polarkreis leicht regnete war dieses Gefühl überwältigend.
Bevor ich draußen Fotos machen wollte, wollte ich mich im Polarkreiszentrum umschauen. Drinnen gab es ein Souvenirgeschäft und ein Restaurant. Für die Daheimgebliebenen hatte ich mir fest vorgenommen Souvenirs mitzunehmen, doch der Platz auf meinem Motorrad ist sehr begrenzt, so dass ich dieses Vorhaben auf das Nordkap verschieben wollte. Ich kaufte jedoch viele Postkarten, um sie von hier an Familie, Verwandtschaft und Freunde zu verschicken. Bezahlt habe ich für 12 Postkarten inkl. Briefmarken 228 Norwegische Kronen was umgerechnet 28,57 € sind.
Um die Postkarten zu schreiben setzte ich mich ins Restaurant und bestellte mir eine Polarsuppe, was ich hier oben als angemessenes Gericht empfand. Die Suppe war sehr schmackhaft, würzig und wärmend. Die kleinen Brotstücke dazu waren von merkwürdig fettiger Konsistenz, schmeckten jedoch sehr gut. Ich schrieb meine Karten und warf sie in den Briefkasten im Souveniergeschäft. Draußen nieselte es nur noch vor sich hin, was die Gelegenheit für Fotos rund um das Polarkreiszentrum war. Die Wolken schnitten die Berge im Westen ab. Östlich des Zentrums befand sich das Feld auf dem die Besucher dieses Ortes ihre Steinmännchen bauten. Auf meinem Motorrad hatte ich keinen Platz, um Steine hierher mitzunehmen, so dass ich lediglich die unzähligen Steintrüme anderer betrachten konnte.
Direkt vor dem Zentrum traf ich ein Rentnerpaar aus Dresden die Norwegen mit ihrem PKW bereisten. Sie sprechen mich direkt auf Deutsch an was mich zuerst stutzig machte. Sah ich so deutsch aus? Die beiden schliefen tatsächlich auch im Zelt was mich beeindruckte. Manch ein vierzigjähriger bezeichnet sich schon als zu alt für diese Übernachtungsart. Wir unterhielten uns eine Weile und wünschten uns weiterhin eine gute Reise.
Von jetzt an setzte ich meinen Weg oberhalb des Polarkreises fort. Die Landschaft blieb noch lange kahl. Keine Bäume, aber nicht uninteressant. Ich mag diese Weiten. Überhaupt fahre ich an so unzählig vielen sehenswerten Motiven vorbei, die es eigentlich wert wären als Foto festgehalten zu werden, doch im Prinzip müsste ich Norwegen dann zu Fuss bereisen.
Bald hörte es zu regnen auf, so dass ich meine luftgetrocknete Regenkombi wieder in meiner Tasche verstauen konnte. Ich wechselte oberhalb des Polarkreises erneut die Richtung. Ich wollte über die 812 wieder Richtung R17 fahren, um unterhalb von Bodo den Saltstraumen anzuschauen. Auf dieser Straße musste ich sehr aufmerksam fahren, da die Straßenränder voll mit Schafen waren. Die Tiere schliefen direkt auf der Straße, unter der Leitplanke oder wechselten die Straßenseite. Sie waren nicht scheu, so dass sie an ihrem Platz verweilten, während ich langsam vorbeifuhr.
Über den Saltstraumen, dem stärksten Gezeitenstrom der Welt, führt eine Brücke die ebenso atemberaubend ist, wie die heftigen Turbulenzen im Wasser. Ich weiß nicht ob der Saltstraumen gerade seine ganze Kraft entfaltete, während ich vor Ort war, doch die Strudel und Strömungen hier waren deutlich erkennbar. Die Strudel sollen weit unter die Wasseroberfläche reichen und die Strömungen des Wassers bis zu 40 km/h schnell sein. Ein beeindruckendes Naturschauspiel.
Die kleine Stadt Bodo liegt sehr nah am und nördlich vom Saltstraumen. Ich suchte nach erreichen der Stadt direkt den Hafen auf, in dem auch Hurtigrouten-Schiffe stoppen. Mir wurde zur Nachtfähre zu den Lofoten geraten und als ich auf den Plan sah, stellte ich fest das mir gar keine andere Wahl blieb als diese Fähre zu nehmen, wenn ich nicht noch eine Nacht am Festland verbringen wollte. Es war erst 19:30 Uhr und die nächste Fähre sollte 0:45 Uhr abfahren. Mir blieb also sehr viel Zeit.
Ich fuhr etwa viermal durch ganz Bodo, doch diese kleine Stadt hat außer einem netten Hafen, ein paar Geschäfte und Hotels für mich nicht viel zu bieten. In der Touristeninformation fragte ich mal wieder nach einem Internetcafe, welches auch hier nicht existierte. Lediglich den freien Computer könnte ich nutzen, doch diese sind immer für Datentransfers ungeeignet.
Bevor ich zum Hafen zurückkehrte versorgte ich mich noch mit Brötchen, Schokolade und einer Flasche Wasser. Ich wusste nicht ob ich auf den Lofoten an Trinkwasser herankommen würde, wenn ich um 4 Uhr morgens dort ankommen würde, also war dieser Einkauf notwendig.
Am Hafen angekommen schrieb ich wieder in meinem Tagebuch und vertrieb mir etwas die Zeit. Mir fiel ein älteres, norwegisches Bikerpäarchen auf die auf einer alten Honda Goldwing mit Anhänger am Hafen warteten. Ich fragte die Frau, ob sie wüsste wo sie nach der Ankunft übernachten würden. Sie war zuversichtlich, um 4 Uhr morgens ein passendes Plätzchen zu finden. Ich entgegnete das ich das auch hoffte und bedankte mich für die Antwort.
Ein wenig später fragten sie mich ob ich einen warmen Kaffee wolle. Wolken zogen am Himmel auf und der Wind pfiff hier im Hafen etwas, so dass ich die Einladung gerne annahm. Dies war die Initialzündung für ein stundenlanges Gespräch zwischen diesem Bikerpaar aus dem Süden Norwegens und mir. Stolz erzählten sie von ihrer Goldwing Baujahr 79 und dem selbstgebauten Anhänger. Während wir auf die Fähre warteten kamen wir von einem Thema zum anderen. Wir drei waren defintiv nicht die Englisch Profis, doch hatten wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, einander nicht zu verstehen. Die Vokabeln beherrschte ich und ich bin mir sicher das die Gramatik inkl. Zeitformen während des Gesprächs jedem Englischlehrer graue Haare bescheert hätten. Uns war das egal, wir amüsierten uns prächtig.
Als die Fähre pünktlich im Hafen einlief, kassierte eine fröhlich pfeifende Norwegerin die 258 Kronen und lies uns an Bord. Für diese vierstündige Überfahrt verzurrte ich mein Motorrad umfangreich und ging ans Deck.

Tag 08: Campingplatz Moskenes (N) – Tacho: 36524 km – Position 67.55.1827 / 12.553072
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Die Überfahrt von Bodo nach Moskenes fand am Morgen des achten Tages statt. Die Fähre legte pünktlich um 0:45 Uhr in Bodo ab und fuhr hinauf auf’s Meer. Mit dieser Überfahrt ging ein weiterer Traum in Erfüllung. Die Lofoten kannte ich nur von Bildern oder von der Landkarte. Ich saß tatsächlich auf der Fähre, die mich auf diese ferne Inselgruppe brachte. Hinter den Lofoten erstreckte sich der atlantische Ozean, an dessen Ufer ich heute zum ersten Mal stehen würde.
Während die Daheimgebliebenen sicher schon in der Dunkelheit schliefen, war es hier taghell. Ich hatte mein Motorrad fest verzurrt und cleverer Weise vergessen meine Kamera, aus dem Tankrucksack zu nehmen. Wir hatten den Hafen bereits verlassen und wie erwartet war das Schott zum Fahrzeugdeck fest verschlossen. Ich sprach die Norwegerin in dem kleinen Kiosk an, ob es möglich wäre meine Kamera noch zu holen. Sie half mir, in dem sie einem Schiffsangestellten schickte, der mir den Zutritt gewährte. Es wäre enttäuschend gewesen, hätte ich dieses wunderschöne Panorama um mich herum, nicht fotografien können.
Mit meiner Kamera bewaffnet ging ich während der über dreistündigen Überfahrt immer wieder an Deck, um Fotos zu schießen. Während alle anderen auf den gepolsterten Bänken innen schliefen, hatte ich wie immer das Problem, dass ich in Fahrzeugen kein Auge zu bekomme.
Irgendwann tauchten die Lofoten am Horizont auf, erst als siluettenartige, gezackte Linie, dann später mit einzeln erkennbaren Berggipfeln. Die Sonne brachte den Horizont und das Meer zum Glühen und je näher wir den Inseln kamen, desto mehr Details wurden erkennbar. Ich war erschöpft, doch nicht so entkräftet, dass ich mich hinlegen musste.
Die Fähre legte pünktlich in Moskenes an. Wie erwartet waren die Passagiere der Fähre die einzig wachen Menschen vor Ort. Flankiert vom Norwegerpäarchen auf ihrer Goldwing versuchten wir zuerst unser Glück in A, den südlichsten Ort der Insel, mit dem gleichzeitig kürzesten Namen. Hier sollte es einen Campingplatz geben, doch dieser war leider voll.
Direkt in Moskenes fiel uns ein Schild mit einem weiteren Hinweis auf einen Campingplatz auf, dessen Zugang offen und auf dem noch genügend Platz war. Auf einer offenen Fläche standen etwa 15 Zelte im Kreis. Der Boden war unterschiedlich eben und ich wählte einen Bereich den ich für geeignet hielt. Mein Zelt war schnell aufgeschlagen und bevor ich zu Bett ging, fragte ich meine norwegischen Freunde noch, ob ich ihnen beim Aufbau helfen könnte damit sie schneller schlafen könnten. Sie schicken mich ins Bett.
An diesem letzten Junitag regnete es vom Morgen an. Richtig Ruhe fand ich in meinem Zelt nicht. Die Ankunft mit der Fähre am Morgen, die Helligkeit und das späte Schlafengehen brachten meinen Rhytmus völlig durcheinandern. Immer wieder döste ich ein, nur um kurze Zeit später wieder wach zu sein. Der Regen hörte nicht auf und bald musste ich feststellen, dass dieser Campingplatz ungünstig gewählt war. Auf der Wiese auf der mein Zelt stand, sammelte sich das Wasser. Der Regen lief an den Zeltwänden herab und wuchs zu einer Pfütze unter meinem Zelt. Ich fühlte die Bewegungen am Zeltboden und spürte so Wellenbewegungen. Mein Zelt stand definitiv im Wasser. Nach innen drang nichts ein, doch ich hatte keine Erfahrungen ob dies auch so bleiben würde.
Ich kochte mir meinen Tee, aß wieder meine Brötchen mit Schokocreme und ging auf dem Zeltplatz kalt duschen. An der Rezeption lass ich, dass die Verwalter erst um 20 Uhr zurückkehren. So lange konnte ich nicht warten. Ich nutze einen Zeitpunkt zu dem der Regen kurz aufhörte und baute mein Zelt ab. Es war fast 18 Uhr und ich verließ den Platz. Bezahlen konnte ich nichts, da die Kosten nirgendwo ausgehangen waren und immernoch niemand vor Ort war. Bevor ich jedoch fuhr verabschiedete ich mich von den beiden Norwegern. Wir umarmten uns zum Abschied und wünschten uns alles Gute. Diese Begegnungen sind jene die man nicht vergisst.
Obwohl ich nicht viel vom Süden der Lofoten gesehen haben und eigentlich gerne die Felsen bei A bis zum Meer hinunter klettern wollte, fuhr ich nach Norden die E10 entlang. Die Wolken hingen tief und schnitten die Berge um mich herum ab. Die E10 schängelt sich auf den Lofoten mal auf der zum Festland gerichteten Seite entlang, mal direkt am Atlantischen Ozean. Die Berge sprießen direkt aus dem Wasser und wachsen gen Himmel. An den Küsten stehen immer wieder diese typischen Holzhäuser. Ich hielt nach Rorbu-Schildern ausschau, da der Regen nicht aufhörte und ich noch gerädert vom mangelnden Schlaf war. Die Rorbus sind zu dieser Zeit leer und stehen Touristen zur Verfügung, wieviel sie jedoch pro Nacht kosteten wusste ich nicht. An einer Touristeninformation versuchte mir eine Frau eine Unterkunft zu vermitteln, doch der Preis für eine Nacht war mir zu hoch. Ich zog also weiter.
Weniger als 100 km die E10 entlang fand ich ein Hütten-Schild am Straßenrand, so dass ich mich nach dem Preis erkundigte. Mein Zelt war nass verpackt, es regnete immernoch und ich wollte meine Sachen zum zweiten Mal auf dieser Reise trocknen. Für 300 Norwegische Kronen quartierte ich mich in eine gemütliche kleine Hytta direkt am Wasser ein.
Bevor ich mich im Bett in meinen Schlafsack legte, kochte ich mir noch etwas warmes zu essen.

Tag 09: westlich von Steira an der E10 (N) – Tacho: 36611 km – Position 68.283279 / 13.914026
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Als ich am morgen in meiner kleinen Hütte erwachte war es nicht wie erhofft durch den Wecker um 10 Uhr, sondern eine Stunde früher. Die Sonne strahlte durch eines der beiden Fenster. Ich nutzte die Annehmlichkeiten meiner Unterkunft, um in Ruhe zu frühstücken und mein Teewasser zu kochen. Meine Ausrüstung war in der Nacht getrocknet und die über die Heizung gehangene, gewaschene Wäsche auch.
Gegen 11 Uhr sattelte ich meine Maschine. Es war ein herrlicher Tag. Gestern noch hingen die Wolken tief und grau über der Hütte, heute konnte ich mich bei strahlendem Sonnenschein umschauen. Die Hütte lag direkt am Wasser, dem gegenüber ein Berg aufragte der mit saftigen Grün überzogen war.
Als ich aufbrechen wollte, dachte ich pflichtbewusst daran den Schlüssel im Haus abzugeben. Ich klingelte, doch die Frau bei der ich gestern bezahlte hatte war scheinbar nicht zu Hause. Durch das Fenster erblickte ich den alten Mann, der am Morgen die Türscharniere ölte. Er schlief vor dem laufenden Fernseher und hörte weder mein Klopfen noch das Klingeln. Ich wickelte den Schlüssel um die Klinke und fuhr davon.
Auf den Lofoten hatte ich keine direkten Ziele. Ich wusste das diese Inselgruppe wunderschön sein soll, dass ich gerne nach Andenes fahren wollte und das ich sie auf der E10 wieder verlassen muss, um meinen Ziel näher zu kommen. Ich wählte also Andenes als Ziel im Navigationssystem aus.
Das Wetter war heute deutlich besser, doch die Sonne täuschte die Wärme nur vor. Ich stoppte unterwegs und zog das Thermofutter ein, die dicke Weste an und wechselte die Handschuhe, um mich vor der Kälte zu schützen. Die Heizgriffe liefen wieder auf der höchsten Stufe.
Genau wie in Jotunheimen kam ich auch auf den Lofoten nicht so recht vorwärts. Wo ich auch hinschaute sah ich eine atemberaubende Kulisse. Die Berge erhoben sie direkt aus dem Wasser steil nach oben. Mal felsig, mal saftig grün oder als sehr runder Hügel geschwungen. Hier auf den Inseln führte die E10 immer wieder durch lange Tunnel, die durchweg fecht und kalt waren. Ich war immer wieder bereindruckt, wie geschickt die Norweger Tunnel bauen. Nur selten waren die Wände durch Beton verstärkt. Meist fuhr ich durch eine reine, felsige Röhre. Der Klapphelm mit dem integrierten Sonnenvisier bewährte sich auf der ganzen Reise. Je nach Sichtverhältnissen, war das Sonnenvisir unten oder nicht. Fuhr ich langsam konnte ich das Kinnteil hochklappen, bei manch einem sehr kurzem Stop auch mit Helm fotografieren.
Um Andenes zu erreichen machte ich einen Umweg von insgesamt 230 km Länge. In Andenes starten die Wahlsafaris die aktuell 890 Kronen kosteten. Ich rief einen kurzen Finanzstatus aus der Ferne ab und verwarf das Vorhaben mit dem Schiff Wale in freier Wildbahn zu sehen. Ich musste nicht alles auf dieser Reise mitnehmen. Auf einer Reise irgendwann in der Zukunft kann ich diese Tour nachholen.
In Andenes stoppte ich noch in einem Restaurant und aß ein Fischgericht, wie es auf meine „unbedingt machen Liste“ stand. Gut gesättigt, konnte ich mich wieder auf den Weg machen.
Trotz der traumhaften Landschaft hier auf den Lofoten nahm ich mir vor, die Inseln noch heute zu verlassen und mein Nachtlager wieder auf dem Festland aufzuschlagen. Ich hatte die Zeit, doch der Wunsch das Nordkap zu erreichen zerrte an mir.
Ich fuhr die Strecke zur E10 zurück und je näher ich der Gebirgskette östlich von Sortland kam, desto schlechter wurde das Wetter. Dunkle Wolken hatten sich hier um die Berge versammelt, doch der Regen schien schon aufgehört zu haben. Ich wurde nur durch das Wasser auf der Straße nass. Bevor ich jedoch zu leichtsinnig wurde, sicherte ich mich durch meine Regenkleidung ab.
Als Ziel hatte ich derzeit Hammerfest im Navi angegeben. Ich kehrte auf die E6 zurück und fing an gezielt, nach einem wilden Nachtlagen zu suchen. Ich verließ hin und wieder die E6, auf kleinen Schotter- oder Asphaltstraßen. Hin und wieder steuerte ich dadurch auf ein Haus zu, aber ich fand keinen geeigneten Platz für mein Zelt.
Gegen 22:30 Uhr entschied ich mich für einen Campingplatz, der mit 120 Kronen der bisher günstigste auf meiner Reise war. Hier gab es zwar weder WLAN noch eine kostenlose Dusche, aber dafür war die Umgebung eine Augenweide. Der Campingplatz war umringt von Bergen. Von einem der Gipfel stürzte in schmaler Wasserfall herab und verschwand hinter den Bäumen.
Klüger geworden durch den Vorfall auf dem Campingplatz in Moskenes baute ich mein Zelt direkt vor einem Hang auf. Wasser würde direkt nach allen Seiten von meinem Zelt ablaufen und sich diesmal nicht darunter sammeln.

Tag 10: Campingplatz an der E6 nördlich von Narvik (N) – Tacho: 37179 km – Position 68.731395 / 18.091587
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Der Morgen meines zehnten Reisetages, versprach spannend zu werden. Ich erwachte eingekuschelt in meinem Schlafsack und hörte leichten Regen auf das Zelt niedergehen. Bevor ich mit dem Zusammenpacken und dem Abbau begann, nutzte ich die Sanitären Anlagen und die kleine Küche. Offensichtlich war sonst noch niemand wach, so dass ich die Küche für mich hatte. Es gab wieder das leckere Müsli, welches ich mir auf meiner Reise schon so oft zubereitet hatte. Die Lebensmittel allmählich zu verbrauchen, schuf Platz in meiner Tasche und somit die Möglichkeit Souvenirs von meiner Reise mitzubringen.
Schon aus der Küche raus fiel mir ein Vogel auf der Antenne eines kleinen Häuschens unweit meines Zeltes auf. Mit meiner Kamera konnte ich nah heran zoomen und erkennen, dass es eine kleine Eule war. Ein wunderschönes Tier. Hier ist die Natur noch in Ordnung. Der Regen ließ nicht nach, so dass ich meine Ausrüstung so zusammenpacken musste. Bis auf ein paar Windstöße war das nicht weiter problematisch.
Eigentlich wollte ich das Ziel für heute nicht ändern, doch was sollte ich hetzen. Unterwegs hörte ich, dass die lange Zeit nördlichste Stadt der Welt Hammerfest derzeit von Baustellen übersäht war und Tromso um so vieles schöner ist. Ich änderte also mal wieder meine Route und wählte Tromso als Ziel. Ein Umweg sollte diese Stadt nicht werden, denn man kann sie entweder auf der E6 auslassen oder nördlich der E6 nach Tromso zwei Fähren nehmen, um auf die Fernverkehrsstraße zurückzukehren. Ich tauschte also pures Kilometerfressen auf der E6 gegen einen Besuch in einer schönen Stadt. Vielleicht gab es ja dort ein Internetcafe.
Um Tromso zu erreichen musste ich eine hohe Brücke direkt am Hafen überqueren, von dort sah ich schon mein zweites Hurtigroutenschiff, die Vesteralen, auf dieser Reise, dass im Hafen am Pier lag. Ich suchte die Touristeninformation auf und erkundigte mich nach einem Internetcafe. Außer zwei Notebooks die Reisenden nur freien Nutzung zur Verfügung standen konnten sie mir leider nicht weiterhelfen. Ich wartete bis eines der Geräte frei wurde und versuchte mein Glück. Das norwegische Windows war nicht mein Problem, denn die Menüpunkte kenne ich ja wie im Schlaf. Ich konnte auch meine Seite administrieren, doch das Betriebssystem war administrativ so eingeschränkt, dass ich meine Fotos die ich im Zugriff hatte, nicht an beliebige Orte hochladen konnte. Leider wieder ein Fehlschlag.
Ich hatte alle Zeit der Welt und schaute mich in der Stadt ein wenig um. Die einlaufenden Hurtigroutenschiffe lassen den Tourismus hier in Tromso blühen. Viele Souveniergeschäfte, in denen ich mir einen Überblick verschaffen konnte und ein Outdoor-Geschäft in dem ich einmal Preise vergleichen konnte. Die Norweger Pullover gefielen mir sehr, doch Preise zwischen umgerechnet über 200 € bis zu 500 € sprengten absolut mein Budget. Ich beendete meine Fototour durch das hübsche, kleine Tromso als der Regen begann wieder stärker zu werden und verließ die Stadt mit Kurs Ost.
Ich lies wieder Fähren in den Navi-Einstellungen zu und änderte das Ziel auf Hammerfest. Einmal in der nördlichsten Stadt der Welt gewesen zu sein, wollte ich auf meiner ToDo-Liste abhaken können.
Am heutigen Tag war ich schon wieder über 300 km gefahren und es wurde langsam später. Auf einer der Fähren konnte ich tolle Fotos von den sehr tief hängenden Wolken vor den Bergen schießen auf die wir zufuhren. Die grauen, wassergetränkten Wolken schienen fast die Dächer der Häuser am Ufer zu berühren.
Obwohl ich mein eigentliches Reiseziel das Nordkap noch nicht erreicht hatte, drehten sich meine Gedanken schon um die Route für die Rückkehr nach Hause. Aus Berichten unterwegs entnahm ich, das Schweden absolut langweilig ist. Tausend Kilometer gerade aus durch tiefe Wälder. Ich zog in Erwägung, für meine Rückreise die Überfahrt von Helsinki nach Tallinn und von dort, die Route über das Baltikum zu wählen. Als positiven Nebeneffekt erwartete ich mir geringere Kosten und ein nicht enden wollendes Abenteuer durch Osteuropa.
Hier im Norden Norwegens war die Landschaft völlig anders als ich sie mir bildlich vorstellte. Naiv hatte ich Tundra und endlos weites flaches Land erwartet, doch die Berge hielten an. Norwegen war unverändert schön. Die guten Straßen schlängelten sich Berg rauf, Berg runter durch die Gebirge. Auffällig waren vor allem die immer häufiger begrenzenden „Bom“ (Schlagbäume) die zu anderen Jahrezeiten, die Strecken unpassierbar machen. Vor den Häusern standen Schneemobile und teilweise sah ich riesige Schneeschieber für Räumfahrzeuge. Biker die ich traf erzählten, dass Bekannte hier irgendwann im Juni nur einem Schneepflug folgen konnten oder sonst im Schnee stecken geblieben wären.
An den Straßenrändern wurde hier oben immer häufiger auch vor Rentieren, statt ausschließlich vor Elchen gewarnt. Unterwegs fuhr ich an einem Gletscher vorbei, doch der Regen verhinderte, dass ich ihn fotografieren konnte. Heute fuhr ich unter Vollschutz. Aus Angst das meine Stiefel bei dem anhaltenden Regen durchnässten, hatte ich über den Socken Plastiktüten gezogen.
Langsam begann ich mich nach einem Schlafplatz umzuschauen, denn heute noch Alta zu erreichen hielt ich für ausgeschlossen. Der Straße schraubte sich wieder nach oben und die Bäume verschwanden. Auf einer Ebene tauchte ich in die Wolken ein und fuhr wie in eine graue Wand. Das Licht wurde verschluckt und die Sicht sank unter 50 m. Ich drosselte meine Geschwindkeit, um nicht irgendwo von der Straße zu kommen oder Tiere zu übersehen.
Getrieben von dem Vorhaben nah an Alta heranzukommen fuhr ich an diesem Tag wieder viel. Zum Schlafen kehrte ich auf einem Campingplatz ein und wählte aus Faulheit eine Hütte. Hier konnte ich in Ruhe meine Ausrüstung trocknen. Das Wasser lief immer regelrecht aus dem Speedpack, solange der Regen länger anhielt. Als ich in Alteidet auf dem Campingplatz ankam begrüßte mich eine charmante Norwegerin, die zu jeder Zeit lächelte und eine tolle Ausstrahlung hatte. Ich versuchte diesen Kontakt nicht nur auf das Einchecken zu beschränken und fragte nach dem Wetter für morgen. Ich war schon soviele Tage Englisch sprechend unterweges, dass ich beim Fahren selbst in Englisch dachte.
In meiner Hütte dachte ich darüber nach, dass ich mir für morgen noch Brötchen kaufen könnte, zog mich an und klingelte die kleine Norwegerin nochmal aus ihrem Haus. Lächelnd kam sie mir entgegen und half mir bei der Frage nach einem Supermarkt. 15 Minuten Fahrzeit in die Richtung aus der ich kam. Zum allerersten Mal war ich an diesem Abend in Norwegen ohne meine Gepäck unterwegs. Trotz der Nässe auf der Straße machte die kleine Spritztour ordentlich Spaß. Nicht das die Suzuki mit dem Gewicht des Gepäcks probleme hätte, doch trotzdem ändert sich das Fahrverhalten.
In die Hütte zurückgekehrt knabberte ich an den gekauften Brezeln und schrieb mein Tagebuch für diesen Tag.

Tag 11: Campingplatz Alteidet (N) – Tacho: 37596 km – Position 70.029373 / 22.091886
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Ich wollte mich in Alteidet um 9 Uhr vom Handy wecken lassen, doch erwachte ich schon eine halbe Stunde früher. Hier auf dem Campingplatz steckte ich mal 10 Kronen in den Duschautomat und genoss das Nass von oben. Erfrischt trat ich hinaus in diesen herrlichen Sommertag. Im Grau angekommen ist die Landschaft nur halb so schön, wie bei solch einem schönen sonnigen Wetter. Es waren gut 20 Grad am Morgen.
Auf dem Campingplatz war eine gut ausgestattete Küche und ein schöner Aufenthaltsraum. Ich kochte mir meinen Tee zum Frühstück und für meine Thermosflasche und aß einen Teil der eingekauften Brötchen.
Von der Sonne angestrahlt stand meine Suzuki Bandit von oben bis unten eingesaut neben der Hütte. Ich holte einen Eimer mit etwas Wasser und spülte erstmal den Sand von der Maschine.
Nachdem ich meine Sachen zusammengepackt hatte und die Motorradkleidung wieder im Sommermodus anzog, kam ich noch mit einem Detmolder Camperpaar ins Gespräch. Die beiden kamen gerade vom Nordkap, so dass ich Detailinformationen aus erster Hand erhalten konnte. Da ich schon einige tausend Kilometer in Norwegen unterwegs war, konnte ich auch meinerseits viele Tips und Erfahrungen weitergeben. Die beiden waren sehr nett und wir scherzten noch eine Weile.
Ich hatte gehofft die nette Campingplatzverwalterin vor meiner Abreise noch einmal zu treffen, doch anscheinend war sie noch nicht in den Tag gestartet, als ich um 11:30 Uhr aufbrach. Ich steuerte heute direkt Hammerfest an und war bestens gelaunt bei diesem schönen Wetter. Regen stört mich nicht und verdirbt mir auch nicht den Spaß, doch wenn die Sonne lacht kann ich Energie tanken und bin noch weitaus motivierter.
Auf dem Weg nach Hammerfest konnte ich Alta nicht umfahren. In Städten gab ich die Hoffnung nicht auf, irgendwo ein Internetcafe zu finden. Aus der Heimat hatte ich Adressen die ich direkt ansteuern konnte, doch entweder waren die Informationen veraltet oder schlichtweg falsch. In Norwegen scheint es keine Internetcafes zu geben.
Nahe Alta hatte ich dann endlich meine langersehnte, erste Begegnung mit Rentieren. Ich fuhr auf einer 70er Strecke um die Kurve, als mir auf der Gegenspur ein Rentier entgegen kam. Es trottete wie seine beiden Kollegen gemütlich, kauend vor einem gewaltigen Reisebus daher. Solange das Rentier nicht freiwillig die Straße verließ musste sich der Busfahrer geschlagen geben.
Ab diesem Zeitpunkt gehörten Rentiere zum Straßenbild. Zur tollen norwegisch, bergigen Landschaft passten diese eindrucksvollen Tiere perfekt. Mal mit dunklem, mal hellen oder sogar weißen Fell waren sie überall. Sie grassten am Straßenrand, standen stur auf der Straße oder wechselten die Straßenseite. Tiere mit gewaltigen Geweihen ließen sich von Autos überhaupt nicht beeindrucken. Sie blieben stehen wo sie waren, so dass die PKW’s die Tiere umfahren mussten. Mit der Zeit fiel mir auf, dass sie offensichtlich Angst vor meinem Motorrad hatten. Meist verließen sie die Straße, wenn ich kam. Das im Gegensatz zu Autos lautere Motorengeräusch stört sie wohl. Das Verhalten der Tiere war aber immer vorhersehbar, so dass ich nie mit abrupten, plötzlichen Richtungsänderungen rechnen musste.
In Tunneln begegnete ich diesen Tieren glücklicher Weise nie und so kam ich bald wohlbehalten in Hammerfest an. Trotz der vielen Baustellen, die tatsächlich in dieser Stadt waren, war es ein tolles Gefühl hier soweit im Norden angekommen zu sein. Im Gegensatz zu Tromso, war ich aber sonst wenig beeindruckt. Hammerfest wirkte weniger attraktiv. Das ich dennoch vor Ort war, war lediglich deshalb, weil ich mir damit einen weiteren Wunsch für diese Reise erfüllen konnte. Ansonsten lohnte es sich nicht einmal die Kamera hier auszupacken.
Ich drehte um und verließ die Stadt, nun endlich war mein nächstes Ziel das Nordkap im Navi eingestellt. Unterwegs amüsierte ich mich köstlich über das Verhalten der drolligen Rentiere. Im Gänsemarsch, die Köpfe gesenkt, trotteten sie kauend vor einer Autoschlange daher. Manch ein Autofahrer konnte so nah an den Tieren vorbeifahren, dass er sie streicheln konnte. Die Rentiere rührten sich nicht.
Mit meinem Ziel vor Augen hatte ich genügend Zeit unterwegs eine Pause einzulegen. Zur Feier des Tages stoppte ich an einem Restaurant und gönnte mir ein leckeres Rentiersteak. Trotz des utopischen Preises von 255 Norwegischen Kronen, wollte ich Rentier unbedingt einmal gegessen haben. Ich war interessiert am Geschmack.
Gespannt und voller Vorfreude fuhr ich anschließend weiter meinem Ziel entgegen. Ich hatte die E6 verlassen und fuhr nun nur noch auf der E69 dem Nordkap entgegen. Immer die felsigen Berge auf der einen Seite und Wasser auf irgendeiner anderen, zogen sich die letzten Kilometer in die Länge. Ich stoppte immer wieder, um die eindrucksvolle Kulisse zu fotografieren. Felsen bestehend aus unzähligen übereinander gestapelten Schichten hatte ich so noch nie zuvor gesehen. Als wenn jemand dicke Schieferplatten aufeinander gestappelt hätte.
Irgendwann erreichte ich den 6800 m langen Nordkaptunnel. Mit dem Hinweis auf 9% Gefälle fuhr ich über drei Kilometer in die Tiefe, bevor es anschließend im selben Verhältnis wieder über drei Kilometer bergauf ging. Eine irre Konstruktion. Im Tunnel wurde es immer kälter je tiefer ich kam. Das ich für diesen Tunnel Maut bezahlen musste war Premiere auf dieser Reise. Auf den über 3000 km in Norwegen musste ich mit meinem Motorrad bisher nur für diesen Tunnel und für eine Brücke bezahlen, wogegen PKW’s und größere Fahrzeuge deutlich häufiger zur Kasse gebeten werden.
Nach dem Tunnel ging es wieder weit bergauf. Hier oben konnte ich kilometerweit sehen und die karge Landschaft genießen. Über mir strahlte die Sonne und die weiten hügligen Ebenen erstreckten sich so nahe dem Nordkap. Die Straße führte in weiten Kurven dem Norden entgegen. Hier gab es nur noch Steine, Moos und sonst keine Vegetation. Kurz vor dem Ziel kletterte ich noch einmal Serpentinen hinauf, bis am Nordkap der Eintritt kassiert wird. 235 Kronen für mich und mein Motorrad für zwei Tage Aufenthalt.
Ich war am Ziel meiner Reise angekommen und ergriffen davon meinen Traum erfüllt zu haben. Ich trat um 20:10 Uhr vor den Globus nach 4645 km zurückgelegter Strecke. Hier oben gab es nur den Parkplatz, des Nordkapzentrum, ein paar Skulpturen und den berühmten Nordkap-Globus. Die Aussicht war fantastisch und ich überglücklich, nach diesem Abenteuer hier zu sein.
Ich traf eine Rentnerin, die mit einem Reisebus ans Nordkap gereist war. Trotz dieser sehr unterschiedlichen Arten zu reisen, führten wir ein sehr nettes Gespräch miteinander. Ihr war bewusst das sie in Bremen in den Bus steigen würde und all die Zeit fast ausschließlich darin verbringen würde. Sie fuhren die ganze E6 nach Norden, stoppten hin und wieder für Toilettenpausen oder an einzelnen Highlights und schliefen unterwegs im Hotel. Sie war trotz der Strapazen froh hier zu sein. Es war für mich interessant, diese Informationen mal aus erster Hand zu bekommen.
Hier oben gibt es keinen Campingplatz und keine Sanitärenanlagen außerhalb des Zentrums. Da das Nordkapzentrum zu dieser Jahreszeit nur zwischen 11 und 1 Uhr nachts geöffnet hat, ist man den Rest der Zeit auf sich gestellt. Dennoch ist es möglich direkt am Nordkap zu campen. Etwa 50 m vom Nordkapzentrum und 100 m vom Globus entfernt schlug ich mein Zelt auf. Auf der Hochebene 300 m über dem Meeresspiegel gibt es nur vereinzelte Moosflecken und sonst nur Steine. Auf einem genau passenden weichen Untergrund stand nun mein Zelt, am nördlichsten Punkt Europas. Hier würde ich heute Nacht schlafen.
Nachdem ich mein Zelt aufgeschlagen hatte änderte sich rapide das Wetter. Wo eben noch teils blauer Himmel war, zog eine Dichte Nebelwand auf. Das Nordkapzentrum und der Parkplatz waren von meinem Zelt aus kaum noch zu erkennen. Mit dem Nebel kam die Feuchtigkeit und die Kälte. Ein schwedischer Biker zog sich lieber von diesem Ort zurück und meinte das es ihm zu kalt wäre heute Nacht in diesem eisigen Nebel zu schlafen. Für mich war dieses Nachtlager ein Muss.
Ich tauschte meine Motorradjacke gegen meine mollig warme Weste, zog meine warme Wollmütze auf und ging mit meiner Kamera bewaffnet ins Nordkapzentrum. Der Abend war noch lang und ich voller Energie und überwältigt hier zu sein.
Im Zentrum hielt ich im großen Souvenirgeschäft nach Mitbringseln Ausschau, die ich am Folgetag kaufen würde. Die lange Rückreise und das beschränkte Platzangebot, schränkten die Auswahl enorm ein. An sich kann man in diesem Geschäft ein Vermögen lassen, wenn man bereit ist das Geld aufzubringen. Für mich zählten vor allem die Erinnerungen.
Im Nordkapzentrum gibt es noch allerhand zu sehen. Es gibt zwei verschiedene Kapellen im Gebäude und den Kaiserstuhl, von dem man aus einen eindrucksvollen Ausblick auf das Nordmeer hat. Es gibt ein großes Restaurant, ein Postamt von dem ich aus zwei Postkarten verschickte die mit einem einzigartigen Nordkapstempel versehen werden und ein Panoramakino, dass einen kurzen traumhaften Film über die vier Jahreszeiten am Nordkap zeigt. Die Musik, die Bilder und dieser Ausblick, in Kombination mit dem Wissen tatsächlich hier an diesem Ort zu sein, trieben mir regelrecht Freudentränen in die Augen.
Da der Nebel fest am Nordkap stand wärmte ich mich im Restaurant mit einer heißen Tasse Tee auf. Irgendwann gut eine Stunde vor Mitternacht klarte der Himmel auf, das Blau war wieder zu sehen und der Mond kam zum Vorschein. Den Tageswechsel verbrachte ich hier oben. Es war unbeschreiblich hell. Ein paar Wolken versperrten den direkten Blick auf die Sonne, doch es war erkennbar das sie nur sehr kurz am Horizont kratze. Mond und Sonne so nah beeinander bei diesem klaren, schönen Wetter, welches Glück muss man haben, um dies bei der ersten Nordkap-Reise zu erleben.
Die Menschen umringten bis weit nach Mitternacht den Globus am Kap. Ich lies meine Kamera arbeiten und hielt jedes Motiv fest. Noch bis fast zwei Uhr morgens blieb ich an der nördlichsten Spitze. Mit dem Schließen des Nordkapzentrums verschwanden auch die Leute. Nur vereinzelt blieben Hartgesottene hier. Ich nutzte mein Stativ und den Platz am Globus, um ein paar Fotos von meinem Traumziel und mir zu schießen.
Der Himmel im Norden wurde langsam vom Glühen der Sonne überflutet, doch irgendwann zwang mich die Müdigkeit ins Bett. Ich war voller Hoffnung, dass dieses traumhafte Wetter an diesem Tag erhalten bleiben würde.
Die Rentierherde die vor Mitternacht so nah an meinem Zelt vorbeizog hatte sich etwa 100 m weiter schlafen gelegt. Die Stille hier oben war perfekt.

Tag 12: Nordkap (N) – Kilometerstand 38055 – Position 71.168541 / 25.783504
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Nach etwa sieben Stunden Schlaf erwachte ich hier am Nordkap. Die Wolken über dem nördlichsten Punkt Europas waren so gut wie verschwunden. Bei 15 Grad, Sonne und etwas frischem Wind, versprach der Tag aber schön zu werden. Es war erst 9 Uhr und das Nordkapzentrum würde erst in zwei Stunden öffnen. Irgendwie stand ich vor einem Problem, denn ich musste dringend zur Toilette die es hier oben nicht gab. Hier, wo nichts ist, musste ich das einzige Mal auf meiner Reise auf meine gute Vorbereitung vertrauen und mir selbst helfen.
Bevor um 11 Uhr die Tore des Zentrums öffneten suchte ich wieder den Globus auf und fotografierte erneut, unter veränderten Lichtverhältnissen das Kap und den Globus. Ich hatte bereits unzählige Erinnerungsfotos, doch irgendwie nicht genug von diesem Ort. Wo ich hinschaute war ich bereindruckt von der Küstenlinie. Es ging tief hinunter hier am Kap. Vor Abstürtzen geschützt ist man hier nur durch einen Zaun.
Als das Nordkapzentrum öffnete kaufte ich für viel zu viel Geld Souvenirs für die Daheimgebliebenen. Ich hatte teilweise extra Geld mitgegeben bekommen, um Erinnerungsstücke mit nach Hause zu bringen. Unter anderem hatte ich ab diesem Zeitpunkt drei Freunde in meinem Tankrucksack. Drei kleine Trolle mit langen Nasen, die ich vom Nordkap heil nach Hause bringen musste.
Mein Zelt konnte ich diesmal trocken einpacken. Trotz des Windes konnte ich meine Behausung geübt verstauen. Ich hatte mein Ziel erreicht und mir meinen Traum erfüllt, doch viel mehr als das Nordkap bei unterschiedlichen Wetterverhältnissen zu erleben konnte ich hier nicht. In Zukunft bleibt mir noch viel Zeit vielleicht einmal an diesen Ort zurückzukehren.
Ich verließ das Nordkap überglücklich und sehr gut gelaunt, um meine Heimreise anzutreten. Mein Abenteuer war hier noch nicht zu Ende. Ich würde in wenigen Stunden Norwegen verlassen haben und Finnland von Nord nach Süd durchqueren.
Der Weg von der E6 hierher zum Nordkap ist etwa 130 km lang, so dass ich hier oben noch einen Tankstop einlegen musste. An der Tanksäule traf ich einen Alleinreisenden Biker aus Osnabrück auf seiner KTM 990 Adventure. Eine krasse hochbeinige Reiseenduro. Dieses Motorrad ist mit seinen endlosen Federwegen wie geschaffen für Offroadstrecken. Wir kamen schnell ins Gespräch und unterhielten uns auf Augenhöhe von Abenteurer zu Abenteurer. Er reiste von Deutschland über das Baltikum nach Russland, um in diesem Land fernab der großen Straßen im großen Bogen nach Norden zu fahren. Er berichtete von langen Wartezeiten, vielen Formularen und vom Öffnen seines Gepäcks an den russischen Grenzen, aber war absolut begeistert. Das dieses Land eine Reise wert ist, wusste ich und fand hier somit Bestätigung, doch ist die Bandit für ein solches Abenteuer ungeeignet. Er blieb einmal mehrere Tage liegen, da sich sehr versteckt der Kontakt von der Batterie nach 400 km Schotterpiste gelöst hatte. Er erfuhr die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft einer russischen Familie, da in dieser Region keinerlei Handynetz zur Verfügung stand. Ich beneidete ihn um dieses Erlebnis. Wir tauschten Erfahrungen aus und wünschten uns weiterhin viel Glück für unsere Reisen.
Mein Weg führte mich die E69 hinab zurück auf die E6. Die Landschaft die ich den Tag zuvor schon einmal sah, verschlug mir erneut den Atem.
Nicht weit vom Nordkap-Tunnel kamen mir vier Motorräder entgegen die ich sofort erkannte. Wild winkend fuhr ich an ihnen vorbei, statt nur die linke Hand zum Motorradgruß zur Seite zu strecken. Die vier Bremer Herren waren irgendwie einen Tag zurückgefallen.
Auf dem Weg nach Finnland und somit auch immer näher an das gewaltige Russland heran, werden die Straßen immer weniger befahren und die Einsamkeit ergreift einen. Hier ist die Tundra sichtbarer und die Weiten ziehen sich.
Beim überqueren der Grenze nach Finnland verließ ich ein Land in dem ich mich viele Tage sehr wohlgefühlt habe. Ab jetzt sollte ich nur noch Länder bereisen, auf die ich wenig vorbereitet war. Ich hatte meine Heimreise angetreten, was mir aber zu keiner Zeit die gute Laune verderben lies.
In Finnland änderte sich die Straßenführung. Es ging in weiten Bögen sinuskurvenartig rauf und runter. Nur ganz selten kamen Kurven und wenn dann nur sehr leicht. Als wenn die Finnen all ihre Kurven an Norwegen verschenkt hätten. Ich begegnete nur selten Autos und die Berge verschwanden. Ich fuhr endlose Kilometer schnurgerade Straßen entlang, die an beiden Rändern von Bäumen flankiert waren. Mein Tagesziel sollte der Inarisee werden. In meiner Vorstellung sah ich eine riesige weite, baumlose Ebene mit einem riesigen See. Hätte ich mich vorher informiert, dann hätte ich gewusst das diese Vorstellung eine Illusion ist. Ich konnte den Inarisee manchmal durch die Bäume an der Straße erkennen, doch diese Landschaft war so völlig anders als ich sie mir vorgestellt hatte.
Die Kombination aus Landschaft die nicht nach meinem Geschmack war, flachem Gelände, viel zu vielen Bäumen, die zwar schön grün, aber viel zu Dicht standen, einsamen Straßen und merkwürig vielen Blitzern gefiel mir hier nicht. Eigentlich wollte ich in Inari am See campen, doch da der See viel zu versteckt und das Ufer laut Reiseführer kaum erreichbar war, fuhr ich bis nach Ivalo weiter.
Ich stoppte an einem Campingplatz und erkundigte mich nach Ausstattung und Preis. 14 € hätte ich bezahlen müssen, ohne WLAN zu haben. Da ich nur Bar zahlen konnte und meine Heimatwährung aus meiner Brieftasche verbannt hatte, zog ich weiter. Nur ein oder zwei Kilometer weiter stoppte ich am Ivalo River Camping. Hier war es zwar schwer einen Platz für mein Zelt zu finden, aber die Übernachtung kostete dafür nur 6 € mit WLAN und Dusche inklusive. Es war absolut klar wofür ich mich endscheiden würde.
Bevor es ordentlich zu regnen begann, baute ich mein Zelt zwischen zwei Bäumen auf, verstaute meine Ausrüstung, zog mich um und kehrte in die Bar am Platz zurück. Nur hier hatte ich richtigen WLAN-Empfang, um mit dem iPhone zu skypen. Es war schon einige Zeit her, seitdem ich über diesen VOIP-Chatclient kostenlos telefonieren konnte, so dass ich dies an diesem Abend intensiv nachholte. Außerdem konnte ich endlich die Zusammenstellung über das Baltikum per E-Mail abrufen, die mir in diesen fremden Ländern weiterhilft.
Während des Telefonierens trank ich genüsslich ein Bier und lies den Abend ausklingen. Ich schlüpfte in mein Zelt und beschloss in den kommenden beiden Tagen bis nach Helsinki zu fahren, wenn sich keine spannenden Begegnungen oder Highlights ergeben.

Tag 13: Campingplatz Ivalo River Camping (FIN) – Tacho; 38527 km – Position 68.623818 / 27.542848
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Am Morgen erwachte ich gut ausgeruht in meinem Zelt. Dies war meine erste Nacht in Finnland. Der Regen prasselte in der Nacht unaufhörlich auf meinem Zelt herum, gemischt mit den dicken Tropfen von den Bäumen über mir. Ich nutzte die kostenlose Dusche und packte mein Zelt nass ein. Bis Helsinki hatte ich etwa 1100 km vor mir. Ich wollte an diesem Tag mehr als die Hälfte schaffen, damit ich am Tag darauf ganz entspannt den Rest angehen konnte.
In dicker Regenkleidung fuhr ich durch Finnland und fing mehr und mehr an dieses Land als nicht sehenswert abzustempeln. Flach, langweilig, von Seen kaum etwas zu sehen, feige finnische Rentiere, die nur hin und wieder von Straßenseite zu Straßenseite hetzen und ständig diese Blitzer.
Die Entfernungen die ich zurücklegte sorgten natürlich auch dafür das sich der Tank meiner Bandit leerte. Im Navigationssystem hatte ich alle Informationen über Tankstellen im Blick, so dass ich mir keine Sorgen machte. Ich hatte mir schon in Norwegen angewöhnt immer beim letzten Balken meiner Tankanzeige früh zu tanken. So legte ich entspannte 350 km zurück mit ausreichend Reserven.
In Finnland musste ich jedoch Erfahrungen machen, die mir nicht in den Sinn kamen. Vielleicht war jede dritte oder vierte Tankstelle an einen Geschäft angeschlossen, so dass ich es primär mit Automatentankstellen zu tun bekam. Ich hatte schon in Dänemark gelernt wie diese zu bedienen sind und steckte nichts ahnend meine VISA-Karte in den Automaten. Der warf sie aber nach einem kurzen Leseversuch wieder aus und deklarierte sie als defekt. Ungläubig versuchte ich es mehrmals und alternativ mit der EC-Karte. Resigniert musste ich aufgeben.
Ein Paar auf einer Harley aus Schweden hatte dasselbe Problem, so dass ich ein wenig beruhigt war, was den Zustand meiner Karten anging.
Wir brachen auf und stoppten an der nächsten Tankstelle die glücklicher Weise mit einem Ladengeschäft ausgestattet war. Ich konnte drinnen problemlos mit meiner Karte zahlen, verstanden hat mich aber niemand.
Mit dem Paar auf der Harley kam ich ins Gespräch. Die beiden waren um die 50 und sind Mitgleider eines Chapters in Schweden. Sie kamen gerade von einem Harley-Treffen am Nordkap. Ich erzählte von den vielen Harleys auf den Lofoten und sie teilten mir wissend mit, dass dort ein Treffen mit über 1200 Maschinen stattfand. Ihr Ziel lag nicht weit südlich von unserer aktuellen Position und sie fragten mich, ob ich zum Santa Claus Dorf am Polarkreis wolle. Ich war auf diese Route nicht vorbereitet aber äußert dankbar für den Hinweis. Wir wünschten uns alles Gute und fuhren in dieselbe Richtung weiter.
Nach weiteren 30 km Fahrstrecke traf ich auf das Weihnachtsdorf am finnischen Polarkreis. Anders als in Norwegen war hier in Finnland deutlich mehr Verkehr und die Bauten an der Straße wirkten erstmal wie eine große Raststätte. Rein von der Atmosphäre, nicht wirklich das was mich anzieht. Ich stand davor meine zweite Polarkreisüberquerung zu erleben. Die Gemeinsamkeit beider Überquerungen war auf jeden Fall der Regen von oben.
Hier am finnischen Polarkreis ist das ganze Jahr lang weihnachten. Hier kann man Santa Claus treffen, Weihnachtsgeschenke und -dekoration kaufen und vor allem Weihnachtspost im offiziellen Santa Claus Post Office verschicken. Wenn man hier sitzt kommt man schon ein wenig in Weihnachtsstimmung. Alle Besucher sind fröhlich und gut gelaunt. Schnell packt einen das Fieber Weihnachtsgrüße an Familie und Freunde zu schicken.
Hier in Finnland gibt es tatsächlich diesen Streifen den ich schon in Norwegen am Polarkreis suchte. Eine breite Linie auf dem Boden, welche den Polarkreis markiert, mit dem Schriftzug „Arctic Circle“, „Polarkreis“ und den Breitengradangaben. Am Wegweiser der die Entfernungen zu den verschiedensten Großstädten der Welt anzeigt, halfen mir deutsche Reisende bei einem Erinnerungfoto.
Nach meinem längsten Stop an diesem Tag setzte ich meinen Weg nach Süden weiter fort.
Plötzlich fiel mir etwas auf, was mir auf meiner Tour nach Norden zwar aufgefallen war, aber eher postive Auswirkungen hatte. Je weiter ich nach Norden kam, desto länger wurde die nutzbare Zeit des Tages. Durch die Helligkeit waren mir keine Grenzen gesetzt. Aktuell fuhr ich immer weiter nach Süden und es wurde wieder dunkel. Mit meiner Einstellung und meinem Reiserhytmus war ich gar nicht darauf vorbereitet.
Ich fuhr schon den ganzen Tag auf der E75 nach Süden und seit dem ich die nördliche Ostseeküste bei Oulu verließ, sah ich schon seit vielen Kilometern keinen Campingplatz mehr. Auch hier kam wieder mein Tankproblem zum tragen.
Die Sonne war bereits beim untergehen und lediglich die rötlich erleuchteten Wolken am Himmel boten ein Motiv. Sonst fuhr ich schon seit gefühlten Ewigkeiten an langweiligen Feldern und Bäumen vorbei.
Ich stoppte an einer Tankstelle, neben der ein Restaurant mit einem Laden stand. An der Tankstelle ließ mich der Automat nicht an den notwendigen Treibstoff ran. Ich ging in das Geschäft und fragte die Verkäuferin auf Englisch ob sie wüsste, warum meine Karten nicht akzeptiert werden. Sie verstand kein Wort. Die zweite Verkäuferin die am Tresen stand, war ebenso wenig des Englischen mächtig. Erst die Küchenhilfe die sie von hinten holten, war sprachgewandter und konnte mir weiterhelfen. Offensichtlich akzeptieren die Automaten in diesem EU-Land nur finnische Geldkarten. Ich bat darum 50 Euro die ich in Oulu von der Bank geholt hatte, in kleinere Scheine zu tauschen, da die Automaten scheinbar kein Wechselgeld geben.
Der unflexible Leseautomat für die Geldscheine akzeptierte irgendwann meinen 20 Euro-Schein, so dass ich endlich tanken konnte. Aktuell war hier der Benzinpreis gut 10 Cent teurer als in Deutschland.
Ich kehrte in das Geschäft zurück, um mich mit Wasser für die Nacht zu versorgen und die anwesenden Kunden, nach einem Campingplatz in der Umgebung zu fragen. Ich war regelrecht fassungslos. Ich fragte gut fünf Finnen, von denen keiner halbwegs gut Englisch konnte.
Als ich eine Umgebungskarte fand, sah ich einen Campingplatz nur in einer großen Entfernung und fragte eine junge Finnin, die ich auf 16 geschätzt hätte, ob dies der einzige Platz wäre. Etwas verzweifelt versuchte sie mir zu helfen, doch unsere Kommunikation funktionierte nur mit Sprachfetzen und Händen. Das ich etwas ratlos war, hatte sie aber offentlich verstanden.
Ich ging zum Motorrad und telefonierte erst einmal, um mein „Leid“ zu klagen. Die Finnin kam in Begleitung zu mir und ich vermutete, dass sie mir etwas mitteilen wollte, so dass ich das Telefonat beendete. In extrem gebrochenen Englisch versuchte sie mir mitzuteilen, dass ich mit zu ihnen kommen konnte, um dort zu schlafen. Die beiden Finninnen saßen hier leider fest, da ihr Auto nicht ansprang. Gemeinsam mit einem Bekannten der beiden schoben wir den alten Mercedes an und fuhren etwa 10 km in die Richtung aus der ich kam.
Es war frisch geworden, stockfinster und mir gingen die verschiedensten Szenarien durch den Kopf was mich alles erwarten würde. Ich war auf einer Abenteuerreise und suchte vor allem solche unvorhersehbaren Erlebnisse. Wir bogen auf eine Schotterstraße ab und überquerten einen Fluss auf einer sehr einfachen Brücke. Als ich stoppte und mein Motorrad abstellte befand ich mich auf einem Bauernhof, einer Farm im tiefsten Finnland. Ich war begeistert.
Die beiden jungen Frauen, ich erfuhr das sie 18 und 20 waren, baten mich ins Haus und stellten mich ihrer Familie vor. Schon als ich vor der offenen Tür stand blickte ich einer Schar Kinder entgegen. An ein solches Szenario hatte ich nicht gedacht. Ich war total überrascht. Die Mutter all dieser Kinder war Milchbäuerin und ihr Mann noch bei der Arbeit. Etwas zurückhaltend aber dennoch überaus nett und gastfreundlich wurde ich hier empfangen. Unsere Schwierigkeit war die Verständigung. Der 15 jährige und älteste anwesende Sohn war derjenige der am besten Englisch konnte. Er half mir mich verständlich zu machen und übersetzte ins Finnische.
Irgendwann kam der Herr des Hauses von der Arbeit und begrüßte mich herzlich und interessiert. Fast wie selbstverständlich wurde ich in dieser Familie aufgenommen. Zu später Stunde tischten alle Kinder allerhand Speisen zum Abendbrot auf. Aus Höflichkeit aß und trank ich, um ihre Gastfreundschaft und Mühe zu würdigen, obwohl ich Stunden zuvor an einem Rastplatz gekocht hatte.
Der Sohn bekam an diesem Abend noch allerhand zu tun, denn wir erzählten noch über eine Stunde voneinander. Zur Veranschaulichung zeigte ich auf meiner Karte welchen Weg ich hierher gefahren bin.
Das Bauern schon wieder früh auf den Beinen sein müssen wusste ich und so musste dieser Abend bald enden. Ich erfuhr noch das ich am folgenden Morgen beim Melken der Kühe dabei sein kann, was ich niemals ausgeschlagen hätte.
Wir sagten gute Nacht und ich bekam mein eigenes Bett in einem Hello Kitty Kinderzimmer. Trotz der späten Stunde konnte ich kein Auge zu tun, da ich ergriffen war von dem Glück, dies erleben zu dürfen. Ich hatte immer nur davon gelesen, wie Reisende von Fremden in fernen Länden Gastfreundschaft erfahren durften und erlebte dies nun selbst auf meiner ersten Reise.

Tag 14: Milchbauern-Farm Sipola (FIN) – Tacho: 39166 km – Position 64.223422 / 25.510810
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Mein Telefon weckte mich wie gewollt 20 Minuten vor 6 Uhr. Nach weniger als fünf Stunden schlaf, wollte ich unbedingt beim Melken der Kühe dabei sein. Ich zog mich an, griff meine Kamera und verließ das Haus. Es war ein warmer, sonniger Morgen. Weder drinnen noch draußen sah ich jemanden. Nur ihr Hund Muru begrüßte mich. Im Stall hörte ich Geräusche und traf dort den Bauern und seine Frau, der gerade alle Vorbereitungen traf. Es galt 30 Kühe am frühen Morgen zu melken. Das Melken wird auch hier nicht von Hand sondern mittels Melkmaschine vorgenommen, was jedoch trotzdem einige Arbeitsschritte erfordert. Zu diesem Zeitpunkt schlief der Sohn noch, so dass ich mich mit dem Bauern improvisiert verständigen musste. Ich verstand was die einzelnen Arbeitsschritte bedeuteten, warum und wie die Kühe farblich markiert wurden und wieviel Liter Milch jede Kuh gibt. Es dauerte immer einige Minuten bis die rund 16 Liter jeder Kuh im großen Tank landeten. Jede Kuh die das Prozedere nicht ruhig über sich ergehen lies, erhielt eine Sonderbehandlung. Ich lernte die mir bekannten europäischen Kühe, von den kleineren Finnischen zu unterscheiden.
Eh alle Kühe gemolken waren verging einige Zeit. In der Zwischenzeit gesellte sich der Sohn zu uns und half im Stahl. Ich vermied weitestgehend im Weg zu stehen und versuchte zu unterstützen. Es bereitete dem Bauern viel Spaß mit Stolz seine Arbeit zu zeigen.
Nach der Molke wurden noch die Maschinen gereinigt, die Kälber gefüttert und der Stall ausgemistet. Kleine Kälbchen von gut einer Woche schleckten einen großen Trog Kuhmilch leer. Ich traute meinen Augen kaum.
Nachdem all die Arbeit getan war bot mir der Bauer noch einen Rundgang auf der Farm an. Ein finnischer Traktor, mit einem deutschen Anhänger dessen Funtkion ich nicht verstand, waren u.a. erwähnenswert. In den angrenzenden Flüssen war das Wasser natürlich braun. Fische gibt es wohl auch.
Zurückgekehrt im Haus gab es Frühstück und Kaffee. Wir sprachen noch fast zwei Stunden miteinander und ich dankte der Familie für ihre Gastfreundschaft. Ich wollte dieses Erlebnis nicht ausnutzen. Zum Ende fand sich die Gelegenheit noch einige Erinnerungsfotos zu schießen. Der Bauer interessierte sich für mein Motorrad und nahm darauf Platz. Auch ich sollte noch posieren, damit sie Fotos zur Erinnerung behalten konnten. Vor einem kleinen Schuppen nahe dem Fluss, versammelte sich noch einmal die ganze Familie mit mir zusammen für Gruppenfotos. Bevor ich fuhr tauschten wir Adressen aus und ich dankte allen für diesen tollen Tag und ihre Herzlichkeit. Umarmungen zum Abschied und gute Wünsche blieben nicht aus. Ich dankte besonders Elena, die ich noch völlig ahnungslos am Vortag vor der Umgebungskarte ansprach. Der 20jährigen, hatte ich dieses einzigartige Erlebnis zu verdanken.
Als ich den Farm verließ war es 9 Uhr und so hatte ich genügend Zeit die Strecke bis nach Helsinki zurückzulegen. Trotz der langen Strecke am Vortag blieben mir noch fast 600 km bis zur Hauptstadt Finnlands.
Die Fahrt nach Helsinki war öde. Je weiter ich nach Süden kam desto dichter wurde der Verkehr. Auf weiten Strecken ließen wenigstens die Blitzer nach, so dass ich zwar nicht schneller, aber doch beruhigter fahren konnte. Hier im Süden wurde das Land wieder etwas bergiger. Hin und wieder waren Felsen zu sehen und es ging nicht mehr nur schnurgerade aus. Alles in allem aber trotzdem kein Vergleich zum Traumland Norwegen.
In Helsinki angekommen suchte ich auf meiner Fahrt durch die Stadt den Hafen. Mein Navi half mir nicht, da ich an den Bezeichnungen nicht den Fährhafen nach Tallinn erkennen konnte. Bei der Fahrt durch die Stadt hatte ich dieselben Schwierigkeiten. In Norwegen konnte ich noch Parallelen zum Deutschen erkennen, Finnisch verstehe ich dagegen gar nicht. Lediglich Schiffssymbole wiesen mir den Weg.
Im Hafen angekommen fragte ich mich von Ort zu Ort durch. Zum Glück sprach man hier Englisch, so dass ich nach der dritten oder vierten Station das Terminal fand, von dem die Fähre abfahren sollte.
Es war noch nicht spät, so dass ich Hoffnungen hatte bald eine Fähre zu bekommen. In einer flughafenähnlichen Empfangshalle buchte ich von 21:30 Uhr meine Überfahrt nach Estland für 45 €. Statt auf einer kleinen Fähre, den Golf von Finnland zu überqueren, sollte dieses Schiff riesig sein. Mir blieben also noch mehr als vier Stunden Zeit, da ich mich frühestens um 20:30 Uhr am Port C einfinden sollte.
Ich hatte mir auf dieser Reise den Platz für einen Rasierappart gespart, doch nach zwei Wochen begann mich der Bart zu stören. Ich fuhr durch die Stadt und versuchte einen Friseur zu finden, der mich von diesem Leid befreit. Mit der Zeit lernte ich, nach Worten wie „parturi“ und „kampaamo“ ausschau zu halten, doch helfen konnte mir niemand. Ich suchte mir einen Supermarkt, um mir etwas zu trinken und Kaugummis zu kaufen. Es war warm und ich hatte durst.
Auf meiner Tour durch die Stadt fielen mir ungewöhnlich viele amerikanische Autos auf und als ich zum Hafen zurückkehrte klärte sich diese Ansammlung. Direkt hier, unweit der Fähren, gab es ein Treffen von Amerikanischen Autos unter die sich auch Motorräger mischten. Hier war alles Mögliche vertreten. Es war auf meiner Uhr noch nicht 20:30 Uhr, so dass ich noch Zeit hatte. Zwischen den Fahrzeugen waren auch allerhand Schaulustige und jede Menge hübscher Mädels. Ich genoss die Aussicht hier.
Kurz nach 20 Uhr verließ ich den Platz, um langsam zum Port C zu fahren. Vor Ort angekommen, fuhren schon jede Menge Autos und LKW’s in den riesigen Viking Line XPres Kreuzer. Ich fuhr an Bord und wollte mein Motorrad sichern. Einer der Matrosen meinte, dass dies normaler Weise nicht nötig ist. Die Überfahrt sollte wieder einige Zeit dauern, so dass ich mir die Zeit vertreiben musste. Ich stiefelte mit meinem schweren Tankrucksack und meiner Kamera beladen bis ins 10te Deck und genoß den Sonnenuntergang in Helsinki. Merkwürdig fand ich, dass es erst 20:30 Uhr war als die Fähre abgelegt hatte. Es sollte drei Tage dauern bis mir in den Sinn kam, dass sich durch diese Routenänderung ein Aspekt ergeben hatte, den ich auf der ursprünglichen Route ausklammern konnte. Hier gab es tatsächlich eine Stunde Zeitverschiebung, was mir nicht bewusst war.
An Bord verging die Zeit einfach nicht. Mir war etwas langweilig und der Kontakt zu anderen Reisenden schon lange nicht mehr vorhanden. Hier auf dem Schiff waren offensichtlich viele Menschen aus Estland. Ohne Kennzeichen ließ sich nicht erkennen, wer eventuell aus Deutschland kam. Ich lief zwischen den Decks umher und nutzte die Gelegenheit, einen Teil meiner Euros in Estländische Kronen zu tauschen.
Etwa um 23:30 Uhr legte das Schiff im Hafen von Tallinn in Estland an. Mein erstes Land im Baltikum. Vor mir standen viele Tage in der Fremde. Mein Garmin war mit allen Campingplätzen Skandinaviens versorgt, doch hier im Baltikum musste ich mich auf die gespeicherten Europakarten verlassen und mir erst einmal Kartenmaterial in Papierform kaufen.
Mein Tank war bei der Ankunft in Tallinn so gut wie leer, so dass ich als erstes Ziel eine nahegelegene Tanksstelle wählte. Schon allein im Navigationsgerät war erkennbar, dass ich hier die freie Wahl habe. Getankt und drinnen bezahlt, sammelten sich schon die ersten Interessenten für mein Motorrad. Zwei Junge Esten standen an meinem Motorrad. Voll von Vorurteilen und Befürchtungen ging ich entspannt zu meiner Maschine und begrüßte die Beiden. Sie waren etwa 18 und schwer in Ordnung. Ihr Englisch war durchaus besser als meins und so kam ich schon nach wenigen Minuten in Estland zum Kontakt mit Einheimischen. Sie fragten mich woher ich komme und wohin ich wolle und ich zeigte ihnen auf der Karte wo ich war. Ihnen fiel auf das mein Motorrad doch nicht eins dieser typischen Reisemaschinen ist, doch ich konnte die Bandit nur loben. Aus der Beschreibung meiner bevorstehenden Heimreise erfuhr ich, dass die Esten irgendwie wenig von Polen hielten und gerne Späße darüber machten. Einer der beiden war vergangenes Jahr vier Monate in Bayern. Sie gaben mir Tips, wo ich ein billiges Hotel für die Nacht finden konnte und boten mir an, mir den Weg zu zeigen. Diese kurze Begegnung war ein Beispiel dafür, wie falsch Vorurteile sind.
Ich steuerte das empfohlene Hotel an, welches leider nicht mehr besetzt war. In völliger Dunkelheit fuhr ich zwei weitere Hoteleinträge im Garmin ab und fand schnell eine akzeptable Unterkunft. Mein Motorrad konnte ich direkt vor das Fenster der Rezeption stellen, welche die ganze Nacht besetzt sein sollte. Ich schloss die Bandit ab und aktivierte die Alarmanlage und ging auf mein Zimmer, um zu schlafen.

Tag 15: Hotel in Tallinn (EST) – Tacho: 39780 km – Position 59.424464 / 24.735366
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Am Morgen genoss ich das inklusive Frühstück im Hotel. Es war einfach, aber vollkommen ausreichend. Draußen war es bereits warm und um die 26 Grad.
Etwa zwei Monate vor meiner Abreise hatte ich erst das Buch „GO EAST“ gelesen, in dem ein Bikerpaar von ihrer Reise durch das Baltikum nach Sankt Petersburg berichtet. An ein paar Einzelheiten konnte ich mich noch dunkel erinnern. Hätte ich gewusst das ich bald selbst in Osteuropa Motorrad fahre, hätte ich mich angestrengt, mehr Details im Gedächtnis zu behalten. Tallinn war mir als sehenswerte Stadt in Erinnerung geblieben, wovon ich mir jetzt selbst ein Bild machen konnte. Insgesamt war ich sehr gespannt, was ich mich in den folgenden Tagen erwarten würde.
Die Hitze hier war in der Motorradkleidung ohne Fahrtwind unerträglich. Ohne Wolken am Himmel brannte die Sonne auf die Stadt hinab. Tallinn ist eine hübsche Stadt voller Kontraste. Bei meiner Tour durch die Stadt entdeckte ich eine Straße voller Nobelboutiquen. Sucht man hier nach alten Autos, steht man ebenso ratlos da. Dagegen gibt es eine sehr schöne Altstadt die von einer Stadtmauer umringt ist. Viele kleine verträumte Gassen laden zum flanieren ein. Die Häuser tragen verscheidene pastellfarbene Fassaden und Fahrzeuge werden von den Fussgängerzonen ferngehalten. Auf einem Hügel über den Dächern steht eine Burg.
Ich hatte immernoch Angst mein Motorrad allein zu lassen, so dass ich versuchte dem Kern so weit es geht anzunähern. Wie erwartet traf ich an einer tollen russischen Kathedrale deutsche Reisende. Zwei Studenten war nach Estland geflogen und nahmen Tallinn als Ausgangspunkt für verschiedene Tagestouren. Sie fragten mich über meine Reise aus und waren beeindruckt, von meinem Mut allein zu reisen. Sie halfen mir Fotos zu schießen und ich kehrte zu meinem Motorrad zurück, welches in Sichtweite stand. Ich hatte gerade zwischen meinen Taschen Platz genommen, als ein Paar vorbeikam und mich auf Deutsch ansprach. Zwei Biker aus Bayern, er Banditfahrer, sie auch erst drei Jahre den Führerschein. Sie hatten die Motorräder im Hotel gelassen, um die Stadt in luftiger, den Temperaturen angemessener Kleidung zu erkunden. Die beiden wollten durchs Balitkum fahren und die Fähre von Helsinki nach Hause nehmen. Sie mussten unbedingt ein Foto von mir schießen, um beweisen zu können einen deutschen Banditfahrer in Tallinn getroffen zu haben.
Nachdem ich die Altstadt von Tallinn gesehen hatte, setzte ich meine Reise fort.
Bevor ich jedoch die Stadt verließ probierte ich mein Glück noch in einem Friseursalon. Die Angestellte verstand mein bärtiges Problem und schor den langgewordenen Bart auf erträgliche Länge ab. Ich fühlte mich sofort besser, zahlte umgerechnet zwei Euro und fuhr los.
Meine erste Station auf meiner Heimreise sollte Haapsalu sein. Heute wollte ich nicht allzu lange fahren, da ich die letzten beiden Tage nur Kilometer gefressen hatte. Außerdem sind die Länder im Baltikum nicht so groß, dass man hunderte Kilometer fahren könnte, ohne an Grenzen zu stoßen.
Unterwegs hatte ich einen besonderen Blick dafür, wie hübsch die Frauen in Estland anzuschauen sind. Die heißen Sommertemperaturen sorgten dafür das die Mädels hier knapp und luftig bekleidet herumliefen. Eine attraktiver als die andere. Schade das mein Soziusplatz mit der großen Tasche belegt war.
Schon auf den ersten Kilometern durch Estland war ich positiv vom Zustand der Straßen und der Infrastruktur überrascht. Die Geschäfte haben lange Öffnungszeiten und akzeptieren alle Arten von Zahlungsmitteln, die Tankstellendichte ist hoch und die Leute sprechen sehr gut Englisch. Ich folgte der 17 durch das Land, sah jedoch Landschaftlich nichts was mich von der Sitzbank holte. Viel Landwirtschaft, flaches Land und Wälder. Interessanter Weise traf ich in Estland immer wieder auf Schilder am Straßenrand die auf freies Internet hinwiesen. In Deutschland gibt es sowas nicht.
In Haapsalu fand ich einen sehr alten Bahnhof, der durchaus Kulisse in alten Filmen sein konnte. Langgezogen, hölzern, mit endlosen Säulen. Auf den stillgelegten Gleisen vor diesem Bahnhof standen mehrere gut erhaltene alte Dampflocks. Große stählerne Schönheiten aus vergangenen Zeiten. Eine Reise mit einer solchen Lock und alten Wagen muss sicher ein Erlebnis sein. Dieser Ort bot sich für einen Fotostop an. Nichts ahnend reiste ich durch dieses fremde Land und fand diesen Ort reinzufällig.
Ich setzte meinen Weg fort und fuhr nach Pärnu, ziemlich im Südwesten Estlands. Der Tag war noch jung. Die kleine Stadt entpuppte sich ebenfalls als sehenswert. Deutlich kleiner als Tallinn aber mit ähnlichem Freizeitangebot. Auf meiner Suche nach einem festen Nachtquartier, fuhr ich an diversen Unterkünften der gehobenen Preisklasse vorbei und erkannte ziemlich schnell an den Fahrzeugen in der Einfahrt, wer hier ein und aus geht. Dicke Protzschlitten säumten das Straßenbild nahe dem Strand. Ich fragte mich durch diverse Villen und Hotels bis ich eine freie Unterkunft fand. Ein unscheinbares Haus, mit einem sehr schön angelegten Garten dahinter, hatte noch ein freies Zimmer. Für 500 Estländische Kronen noch im Preisrahmen. Witziger Weise traf ich genau hier auf finnische Gäste. Ein cooler Typ und sein Kumpel waren hier in Pärnu, um von günstigen Hauspreisen zu profitieren und um sich ein Auto zu kaufen. Während die Finnen in ihrem Heimatland nicht mal Englisch konnten, sprach er sogar ganz gut Deutsch. Aus jeder kurzen Begegnung ergab sich ein kurzes Gespräch zwischen uns.
Das Wetter heute war nichts für längere Stadttouren. Ich legte die Sachen ab, suchte saubere Kleidung aus meiner Tasche und ging duschen. Offensichtlich war ich im Hotel in Tallinn nicht ganz bei der Sache. Hier stand ich plötzlich ohne Duschbad und Creme da. Ich hatte beides wohl im Bad stehen lassen.
Meine Zip-Hose gekürzt, in T-Shirt und Flip Flops, sowie mit meiner Kamera bewaffnet rief ich mir ein Taxi, um erst einmal etwas essen zu gehen. Der Weg war relativ kurz und die Fahrt günstig. Ich sah mich erstmal in den kleinen Fußgängerzonen um, um mir einen Überblick zu verschaffen. Restaurants gab es genügend und die Preise waren okay. Aufgefallen war mir am Ende der Straße ein Nachtclub, in dem heute ein Modell Contest stattfinden sollte. Erst einmal hatte ich aber Hunger. Das Restaurant meiner Wahl war leider total voll und ich hätte so gerne draußen gesessen. In den Straßen hier liefen so viele nette Mädels rum und bei dem Wetter drinnen zu sitzen, gefiel mir eigentlich nicht. Leider blieb mir keine andere Wahl und so setzte ich mich ins Edelweiss. Trotz des deutschen Namens, konnte die Kellnerin kein Wort Deutsch. Ich versuchte „Wheat beer“ zu bestellen, doch damit konnte sie nichts anfangen, sie brachte mir ein einfaches Pils und als ich versuchte ihr den Unterschied zu erklären, sagte sie nur das sie so etwas nicht hätten. Die Speisekarte forderte mein ganzes Vokabular. Alles klang furchtbar fremd, obwohl Englische Bezeichnungen für die Speisen dabei waren. Was ich mir bestellte was sehr schmackhaft und keineswegs ungewöhnlich. Irgendein Schweinefleischgericht, was man auch in Deutschland überall essen kann. Ich lies mir Zeit und genoß die Pause.
Als ich das Restaurant verließ steuerte ich, den Nachtclub „Sugar“ an, in dem das Martini Summer Model 2010 Finale stattfinden sollte. Dort angekommen ging es erstmal an die Bar. Etwas verloren musste ich irgendwie erstmal Gemeinsamkeiten schaffen und bestellte mir nen Bier.
Je später der Abend wurde, desto voller wurde die Terasse hier draußen. Ein DJ legte Live auf und Martini-Hostessen versorgten die Gäste mit Cocktails. Die estländischen Mädels die hier vor Ort waren, waren allesamt zum anbeißen. Zwischendurch tanzten die Martini Models hin und wieder in Formationen zu aktuellen Sommerhits, angeführt von einer energiegeladenen, quirligen, sexy Animateurin. Dieser Abend war eine gute Abwechslung zu den vergangenen zwei Wochen.
Noch vor Mitternacht ließ ich mich von einem Taxi zurück zu meiner Unterkunft fahren, damit ich am morgen ausgeruht weiterfahren konnte. Der Tag war aufregend und ich schlief bald ein. Mein Motorrad hatte heute ihre Gesamtlaufleistung von über 40000 km erreicht und ich war bereits über 6600 km auf Reisen.

Tag 16: Villa in Pärnu (EST) – Tacho: 40085 km – Position 58.379348 / 24.521961
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Richtig gut ausgeschlafen erwachte ich am Morgen in Pärnu. Der Tag begann wieder sonnig und viel zu warm. Ich aß mal wieder Müsli und mir fiel auf, dass ich nicht genügend Estländische Kronen am Mann hatte, um meine Unterkunft zu bezahlen. Andere Währungen und Geld auf der Karte waren vorhanden, doch das wollte die Besitzerin nicht. Ich ging zwei Straßenecken weiter zu einem Geldautomaten und holte die fehlenden 200 Kronen. Dankbar verließ ich die nette Villa und brach Richtung Riga auf.
Der Weg bis zu meiner ersten Grenzüberquerung im Baltikum war nicht weit. All die Länder die ich durchfahren würde gehörten zur EU, was schon an dieser Grenze deutlich zu spüren war. Die Grenze nach Lettland war durch ein Schild kenntlich gemacht, doch von Grenzkontrollen weit und breit keine Spur. Ich fuhr also ganz problemlos auf der E67 über die Grenze, immer an der Küste entlang zur Hauptstadt Lettlands Riga. Leider war die Küstenlinie durch die Bäume verdeckt, so dass ich wenig Abwechslung hatte. Es war Wochenende und somit nicht allzuviel Verkehr.
Voller Erwartungen fuhr ich ins Zentrum Rigas. Ich stellte mir prunkvolle Bauten, große Plätze und allerlei Statuen vor, doch von all dem war nichts zu sehen. Leider fehlte mir durch mangelnde Vorbereitung der Überblick, was ich hier überhaupt finden konnte, doch hätte ich erwartet das ich hier im Zentrum direkt darauf gestoßen werde.
Das Stadtinnere war teilweise recht westlich angehaucht, wenn auch sichtbar Ärmer als die wesentlich kleinere Stadt Tallinn in Estland. Die Gebäude die ich sah waren größtenteils grau und älteren Baujahrs. Die Fußgängezone sah interessanter aus, doch lies ich mein Motorrad nicht freiwillig alleine. In Lettland fiel mir sofort auf, das die Polizei hier sehr viel präsenter und aktiver war. Selbst auf dem Land sah ich schon oft Polizeifahrzeuge.
Auf meiner Suche nach Highlights in Riga wurde ich durch die Straßenführung immer wieder auf eine Brücke über die Düna geleitet, wohin ich gar nicht wollte. Bevor ich die Hauptstadt verlassen konnte, musste ich dringend erst noch Geld wechseln. Ich hatte in Finnland den Fehler begangen Euros abzuholen, weil ich nicht damit rechnete im Baltikum solch komfortable Zahlungsmöglichkeiten zu haben. Hier hätte wenig Bargeld und primär Kartenzahlung vollkommen ausgereicht.
Bevor ich die Führung wieder meinem Navi überließ, machte ich noch Fotos an einem Fernsehturm. Anschließend wählte ich Liepäja an der Westküste Lettlands als Ziel und ließ mich führen. Lettland sah man wirtschaftliche Probleme an. Straßen und Gebäude am Stadtrand waren heruntergekommen. Gebäude in denen ich keine Bewohner mehr vermutete, waren komplett bewohnt. Seitenstraßen waren oft Schotterpisten oder äußerst schlecht asphaltiert. Hin und wieder wölbte sich der Asphalt teils viele Zentimeter hoch. Geschäfte und seien es nur kleine Läden gab es wie auch Tankstellen überall. Überrascht war ich, dass die Märkte selbst am Sonntag bis 22 Uhr geöffnet hatten. Auch hier traf ich sehr oft auf Hinweise zu kostenlosen und freien Internetzugängen.
Um Liepäja zu erreichen fuhr ich auf der A9 durch Lettland. Diese Fernstraße war äußerst gut beschaffen und glich einer deutschen Bundesstraße. Wie auch schon in Estland lohnte es unterwegs nicht anzuhalten. Das Land war flach und größtenteils landwirtschaftlich bestellt. Nur vereinzelt gab es Wälder an denen ich vorbei fuhr. Abwechslungsreich war diese Fahrt nicht.
In Liepäja angekommen regnete es sich so langsam ein. Das in dieser Stadt Metallindustrie ansässig ist, war spätestens am schmutzigen Rauch der aus den Schornsteinen aufstieg erkennbar. Ich hatte noch keine Regenkleidung an, so dass ich erst einmal einen Unterschlupf suchte. Schon in Finnland waren mir Hesburger-Filialen aufgefallen. Scheinbar eine Art McDonalds-Konkurrenz in diesen Ländern. Mit etwas Hunger probierte ich ein Menü aus. Geschmacklich und qualitativ meiner Ansicht nach keinerlei Konkurrenz.
In dieser Stadt war die Auswahl an Unterkünften recht dürftig. Immernoch ängstlich suchte ich eigentlich nach einer Unterkunft die auch für mein treues Motorrad sicher war. Hier fand ich jedoch nichts, so dass ich mein Glück südlicher versuchen wollte.
Ein paar Kilometer außerhalb der A13 fand ich einen sehr hübsch angelegten Campingplatz. Neben großen fast leeren Flächen gab es hier sehr schöne Holzhäuser. Ich erkundigte mich in einem kleinen Kiosk nach den Preisen und traf auf eine blonde Lettin die zu meiner Überraschung hervorragend Deutsch sprach. Der Preis für ein Zimmer mit Gemeinschaftsdusche und -toilette war mit 15 Lats nichts zu teuer, so dass ich aus purer Faulheit wieder eine feste Behausung bezog.
Geduscht und in lockerer Kleidung klemmte ich mir meine Karten und mein Reisetagebuch unter den Arm und ging zur Terasse, um vielleicht etwas Gesellschaft zu haben. Ich hatte in den letzten Tagen kein Tagebuch geführt, so dass ich einige nachholen musste. Die Lettin war mit Kollegen dabei den Feierabend einzuläuten, so dass ich mich auf’s Schreiben beschränkte. Als das Kiosk schloss und ich mit meinen Nacharbeiten fertig war, kehrte ich auf mein Zimmer zurück und studierte vor dem Schlafen gehen die Karten für die Tour des morgigen Tages. Je näher ich meiner Heimat kam, desto mehr interessante Zwischenziele fand ich noch auf der Karte.

Tag 17: Campingplatz südlich von Liepäja (LV) – Tacho; 40531 km – Position 56.427673 / 20.998195
(Tagesstrecke als KML-Datei)

In meinem schönen Zimmer habe ich geschlafen bis mich mein Wecker weckte. Ganz in Ruhe packte ich meine Sachen zusammen und verließ um 11 Uhr den Campingplatz. Direkt südlich liegt die Stadt Klapeda, von der aus eine Fähre zur kurischen Nehrung übersetzt. Auf diesem schmalen Landstrich, der von Wasser umgeben ist, gibt es genau an der Grenze zu Russland eine riesige Sanddüne. Ein einzigartiges Naturphänomen, was durchaus sehenswert ist.
Klaipeda liegt schon in Litauen, so dass ich bald im dritten baltischen Land ankam. Zuerst vermutete ich wieder einen Grenzübertritt völlig ohne Kontrollen. Ich stoppte und packte meine Kamera aus, um Fotos vom Grenzübertritt zu machen. Erst später bemerkte ich einen Grenzpolizist der entfernt stand und Ausschau hielt. In diesem Moment erwartete ich, beim Überfahren der Grenze angehalten und zum Löschen der Fotos aufgefordert zu werden. Als ich mich den beiden Beamten nährte, nickten wir uns respektvoll zu und ich fuhr nach Litauen ein.
Kurz hinter der Grenze fielen mir die verschiedensten Leute an den Straßenrändern auf. Auf mehreren hundert Metern standen sie mit Schildern in der Hand und trampten. Es waren definitiv nur Einheimische und keine Reisenden.
Landschaftlich änderte sich nichts. Flaches Land und viel Landwirtschaft. Die Straßen wirkten in Litauen wieder besser. Die Häuser deuteten auf mehr Finanzmittel als in Lettland hin.
In Klaipeda sollte ich mit meiner ersten osteuropäischen Fähre zu tun bekommen. Das Fahrzeug war in einem deutlich schlechteren Zustand als die Fähren in Norwegen erfüllte aber ihren Zweck. Am anderen Ufer angekommen, folgte ich der einzigen Straße auf diesem Landstrich. Extrem stutzig machte mich nach einer kurzen Strecke die uniformierten Beamten die Fahrzeuge an einem Posten anhielten. Das dies lediglich dem Zweck diente Eintritt zu kassieren beruhigte mich wieder. Schon bevor ich ins Baltikum kam machte ich mir Gedanken wie ich mich verhalten sollte, wenn ich doch einmal in eine Polizeikontrolle geraten sollte. Aus Reiseberichten vor allem über Russland lass ich viel über korrupte Polizei. Ob es klug gewesen wäre, so zu tun als ob ich ausschließlich Deutsch spreche, konnte ich nie herausfinden.
Auf der kurischen Nehrung musste ich 43 km bis nach Nida fahren, um bis zur Sanddüne zu gelangen. Unwissend hatte ich auch hier wieder andere Vorstellungen und mir den ganzen Landstrich als wüstenartige Formation vorgestellt. Zwischendurch bog ich irgendwo links ab und probierte mein Glück auf einem Schotterweg. Ich traf einen Schweizer der mich fragte wo nach ich suche und er sagte mir das ich den „Sand“ in Nida an der Grenze finde.
Die Strecke zog sich dahin, doch am Ende fand ich wofür ich hier war. Insgesamt hätte ich mir aber eine deutlich bessere Führung auf diesem Landstrich gewünscht. Die große Sanddüne war beeindruckend. Kilometerweit zog sich dieses Naturphänomen bis auf russisches Gebiet. Scheinbar wird die Düne von Jahr zu Jahr zurückgedrängt und mehr von Flechten überwuchert. Von der Erhebung an diesem Ort was das Land weit überschaubar. Im Norden lag Nida und im Süden Russland, in dem nichts als Sand und Wald zu sehen war.
Auf dem Parkplatz an der Düne verkauften eine Hand voll Händler Schmuck und andere kleine Kostbarkeiten vollständig aus Bernstein. Ich hatte noch Souvenirgeld übrig und kaufte einen Bernstein an einem Lederhalsband.
Die kurische Nehrung musste ich wieder dort verlassen, wo ich sie befahren habe. Im Süden hätte ich nach Russland einreisen müssen, für das ich leider kein Visum hatte. Meinen Reisepass hatte ich auch zu Hause gelassen. Auf halber Strecke zurück zur Fähre stoppte ich an einem Restaurant, um mir etwas zu Essen zu bestellen. Während ich meinen Seebarsch aß, fiel mir ein Paar aus Hamburg auf. Als ich die beiden Ansprach erzählten sie mir, dass sie mit einem VW-Bus im Baltikum unterwegs sind. Heute machten sie eine Radtour, während ihr Auto auf dem Campingplatz in Nida stand. Die beiden waren schon 35 km unterwegs und hatten locker noch 20 km Rückweg vor sich. Sie wirkten erst etwas irritiert und distanziert, bis sie mich kruz vor meiner Abfahrt erneut ansprachen. Sie fragten wohin ich heute noch wollte und empfahlen mir Trakai nahe Vilnius. Die alte litauische Hauptstadt soll wohl der am meisten fotografierte Ort neben der kurischen Nehrung in Litauen sein. Ein schöner Campingplatz, gutes Essen, mehrere Seen drum herum und eine sehr schöne alte Burg, klangen verlockend. Etwas erschlagen nahm ich die Position der Stadt nicht richtig war und wählte sie im Garmin als nächstes Ziel.
Als ich die kurische Nehrung verlassen hatte und durch Klaipeda durch war, befuhr ich die litauische Autobahn E85. Die Autobahn stand deutschen Standards in nichts nach, lediglich zwei Radfahrer und ein Fussgänger die hier unterwegs waren, machten den Unterschied zu Deutschland offensichtlich. Insgesamt war hier aber auch deutlich weniger Verkehr. Ich war seit gefühlten Ewigkeiten auf keiner mehr unterwegs. Die Eintönigkeit und das stupide geradeaus fahren, ließen mich unterwegs an meinem Ziel zweifeln. Ich kontrollierte erneut auf der Karte wo sich Trakai überhaupt befand. Viel zu weit östlich und weit ab vom Kurs. Ich wollte nahe der russischen Grenze entlang Richtung Polen, da wäre der Weg nach Trakai ein gewaltiger Umweg gewesen. Das Baltikum bot manch interessantes Ziel, doch all dies auf dieser Reise mitzunehmen hätte den Rahmen gesprengt, zumal ich besser vorbereitet unterwegs sein sollte. Darüber hinaus sollte ich ein anderes Mal mit einem Russlandvisum unterwegs sein, um auch diese Eindrücke einzufangen.
Nachdem ich meine Route Richtung Sakiai änderte, war ich wieder auf kleineren Landstraßen unterwegs. Der Abend näherte sich rasch und so auch die nahende Dunkelheit. An der Ostsee waren Campingplätze häufig zu finden, doch hier im Inland so nah an der russischen Grenze musste ich mich damit abfinden wieder Alternativen in Betracht zu ziehen.
In Kudirkos Naumiesis beschloss ich, Anwohner nach einer Unterkunft zu fragen. In einer Seitenstraße entdeckte ich zufällig ein Grundstück auf der seltsamer Weise, wirklich hübsche Skulpturen zu finden waren. Große Pferde und Büsten von mir unbekannten Persönlichkeiten. Die ältere Frau die ich vom Grundstück kommen sah, sprach leider weder Deutsch noch Englisch, so dass wir uns mit Händen und Füßen verständigten. Als ich etwas russisch von mir gab, sprudelte sie sofort los, so dass ich sie bremsen musste, da ich sie kaum verstand. Ich zeigte ihr meinen Weg hierher auf der Karte und sie war ganz aufgeregt mich getroffen zu haben. Sie fragte ihre Nachbarin, ob sie mich verstehen könnten, scheinbar in der Hoffnung mehr über diese Reise zu erfahren. Sie lachte, wir gaben uns die Hand und wir verabschiedeten, da es zwecklos war.
Ich fuhr weiter. Auf einer wenig befahrenen Landstraße Richtung Vilkaviskis sah ich bei Tempo 100 einen ausgewachsenen Rehbock auf mein Motorrad zu rasen. Knapp drei Meter neben meiner Maschine riss er hart herum und verschwand wieder im Feld. Diese Begegnung dauerte vielleich zwei, drei Sekunden, jagte mir aber einen kleinen Schrecken ein. Einige Kilometer zuvor hatte ich doch noch ein Reh die Straßenseite wechseln sehen. Nun drosselte ich das Tempo.
Als es fast dunkel war erreichte ich Vilkaviskis und fragte in einem Hotel nach dem Preis für eine Übernachtung. 80 Litas waren nur 23 Euro, was für mich sofort interessant war. Ich fragte die sehr attraktive, dunkelhaarige Litauin ob der Parkplatz vor dem Hotel der einzige Platz wäre, wo ich mein Motorrad abstellen konnte. Wir konnten uns nur Deutsch verständigen, was sie leider nur ganz schlecht konnte. Englich verstand sie kein Wort. Ihr Art war bezaubernd. Sie lächelte verlegen und wirkte etwas verzweifelt, weil sie sich nicht ausdrücken konnte. Ich deutete an, dass sie sich Zeit lassen könnte. Mein Motorrad konnte ich direkt am Eingang des Hotels abstellen, so dass sie es sehen und die Alarmanlage hören konnte. Wie ich sie verstand war sie bis zum nächsten Morgen acht Uhr vor Ort.
Das Zimmer war wie in Tallinn in der dritten Etage. Die große Tasche war äußerst unhandlich und sehr schwer. Auf dem Zimmer konnte ich in Ruhe duschen. Ich beschloss mein Tagebuch und die Karten, mit hinunter zur Rezeption zu nehmen. Gegenüber dem Tresen stand ein Couch und vielleicht ließ sich die Litauin auf ein nettes Gespräch ein. Recht schnell verstand sie was ich vorschlug und wir kamen ins Gespräch. Zumindest versuchte sie sich auszudrücken und ich meine Worte so zu wählen, dass sie mich leichter verstand.
Ich schlug vor ihr Fotos von meiner bisherigen Reise zu zeigen und so saßen wir Minuten später gemeinsam auf der Couch und ich erzählte ihr stundenlang von meinen Erlebnissen. Was ich nur mit Vokabeln ausdrücken konnte, die ihr nicht geläufig waren, zeigte ich auf Karten oder formte es mit den Händen. Wir verstanden uns auf diese Art prächtig. Sie lauschte die ganze Zeit gespannt meinen Ausführungen und hörte interessiert zu. Als ich am Ende mit meinen Erzählungen war, hatte ich ihr Kopfschmerzen bereitet. Stundenlanges Hören einer fremden Sprache strengte sie an. Wir setzten unser Gespräch fort. Ihr Name war Rasmona, sie war 27 Jahre alt und passte absolut in meine Beuteschema. Wir kannten uns somit schon mit Namen und ich versuchte ihr noch vom „Du“ zu überzeugen. Ich wusste nicht welche Anreden sie kannte, doch konnte ich ihr verständlich machen, dass „Sie“ zwar respektvoll ist, doch dauerhaft eine gewisse Distanz wahrt. Sie verstand mich und sie wechselte zum „Du“. Als es bereits sehr spät wurde, wünschten wir uns eine gute Nacht und ich ging auf mein Zimmer, um zu schlafen.
Beim Blick auf die Uhr an der Rezeption und dem anschließenden Blick auf mein Handy auf dem Zimmer wurde mir die Zeitverschiebung erst bewusst, die ich seit Finnland gar nicht wahr nahm. Der Zeitunterschied erklärte vieles.

Tag 18: Hotel Sirvinta in Vilkaviskis (LT) – Tacho: 40967 km – Postion 54.649581 / 23.034691
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Ich erwachte ausgeruht in meinem einfachen Hotelzimmer. Mir stand heute Polen bevor und somit das letzte Land auf dieser Reise. Ich packte meine Sachen zusammen und ging nach unten, um nach einem Frühstück Ausschau zu halten. Gerne hätte ich Rasmona noch einen guten Morgen gewünscht, doch da es bereits 10 Uhr war hatte ihre Ablösung schon die Schicht übernommen.
Unten im Hotel konnte ich mir ein nahhaftes Frühstück inkl. Kaffee für umgerechnet 1,50 € bestellen. Frisches Brot, Spiegelei und dazu Speck. Ich war zufrieden. Mein Motorrad stand bereits gesattelt neben mir am Eingang, so dass ich in Ruhe aufaß und anschließend direkt aufbrechen konnte. Das ich Rasmona noch schöne Grüße ausrichten lassen wollte, verstand die Hotelangestellte nicht mehr, obwohl diese des Englischen mächtig war.
Ich brach auf und fuhr an diesem herrlichen Sommertag auf der E67 bis nach Suwalki in Polen. Meine nächste Grenzüberquerung würde nun die nach Deutschland sein.
Hier in Polen fehlte mir wieder passendes Kartenmaterial. Mein Garmin konnte mich problemlos führen und hätte mich auch durch Russland gebracht, doch wollte ich auf Papier sehen wohin ich Fahre und was es in der Umgebung für sehenswerte Ziele gibt. Ich wechselte bei der ersten Gelegenheit etwas Geld und kaufte mir eine Karte. Nun hatte ich einen Überblick und musste lediglich deutschen Ortsnamen die ich kannte, ins Polnische übertragen.
Vor mir lagen die Masuren, eine wunderschöne Seenplatte, wie ich gehört hatte. Ich wollte viel davon sehen und mich gleichzeitig einem historischen Ziel nähern. In den Wäldern um Ketrzyn liegen die Ruinen der Wolfsschanze verborgen und praktischer Weise liegt diese Stadt genau an der westlichen Grenze der Masuren. Mehrere Ziele auf meinem Weg in die Heimat.
In Suwalki verließ ich große Fernstraßen und fuhr über Stunden nur auf kleineren 500er Straßen, kaum breiter als zwei PKW. Hier fuhren keine LKW und ich bekam einen schönen Einblick in die Masuren. Sie Straßen waren nicht perfekt, etwas holperig, mit oft sandigen Kurven, doch führten sie mich durch kleine polnische Dörfer und vorbei an schönen Seen. Es ging rauf und runter, links und rechts, immer Richtung Westen. Nie kreuzte ich große Straßen. Die Tour bereitete mir viel Spaß und ich fuhr durch Landstriche wie ich sie mochte. Felder wechselten sich mit Wäldern ab. Mal führte die Straße über offene Landstriche, mal durch dunklere, schmale Alleen. Die Strecke versprühte einen ländlichen, ursprünglichen Charme. Wich ich von diesen Straßen ab, wurde Asphalt schnell zu groben Schotter. Hin und wieder versuchte ich einem Schild zu folgen, was mich zu einer Sehenswürdigkeit zu führen schien, die ich aber meist nicht fand.
In Ketrzyn fand ich bald einen Hinweis auf die Wolfsschanze. Zwar war nur ein Hotel ausgeschildert, doch konnte das eigentliche Mahnmal nicht weit entfernt sein. Ein paar Kilometer durch den Wald, fand ich genau was ich suchte. Parkplatz und Eintrittsgeld waren angenehm günstig und der Stellplatz für Motorräder direkt am Posten der Parkplatzwächter. Ich sicherte meinen Helm und meine Tasche mit meinem Kabelschloss und brach zum Rundgang auf.
Zwei Deutsche Biker aus Köln kamen gerade an und mit dem Ziel, die Anlage der Wolfsschanze zu besichtigen, hatten wir denselben Weg und kamne schnell ins Gespräch. Ihnen fiel auf, dass ich aus Berlin kam und meinten ich hätte ja auch einen ganz schönen Anreiseweg hinter mir. Mit stolz nannten sie ihre Herkunft, mit dem Kommentar das dies noch ein paar Kilometer weiter entfernt sei. Das ich die „große Runde“ für die Anreise gewählt hatte, interessierte sie sehr. Wir unterhielten uns während wir die Ruinen und gewaltigen Bunkenanlagen besichtigten. Beeindruckend was hier bereits um die 60 Jahre im Wald verborgen liegt. Meterdicke Stahlbetonwände, die sich die Natur langsam zurückerobert. Erdrückend wenn man den historischen Hintergrund und den Zweck der Anlage bedenkt. Dennoch folgten wir interessiert dem Rundgang und lauschten hin und wieder den verschiedenen Guides die Gruppen durch das Areal führten. Die Bauwerke direkt zu sehen, bringt die Geschichte näher als Bücher oder Filme.
Die beiden Kölner wollten die kommenden Tage in Polen herumfahren und unser Nachbarland näher kennenlernen. Für mich war ebenfalls klar, dass dieses Land eine eigenständige Reise wert ist. Allein die Beispiele, wie Danzig, Marienburg, das Schiffhebwerk bei Maldyty, die sie noch nannten und Orte die mir noch einfallen sind in zu großer Zahl, um sie auf meiner Heimreise noch einzuplanen. Sie wollten an diesem Tag noch weiter in die Masuren vordringen, ich dagegen weiter Richtung Westen.
Nachdem ich das Gelände wieder verlassen und in Ketrzyn dringend getankt hatte, stellte ich mein Navi so ein, dass es mich über Stettin zu meinen Eltern nach Hause führte. Ich folgte weiter den schmalen Straßen, die mich schon hierher geführt hatten bis ich plötzlich vom Regen überrascht wurde. Innerhalb weniger Minuten fing es so stark an zu regnen, dass nicht gelohnt hätte jetzt noch die Regenkombi auszupacken.
Ich folgte viele Kilometer den 500er Straßen bis zur 7 bis es endlich aufhörte zu regnen. Der Fahrtwind trocknete meine Motorradkleidung wieder, doch im Westen hingen die Wolken schwarz und tief. Ich sah Blitze und meinte eine Regenwand zu sehen. Ich versuchte während ich LKW’s durch Baustellen folgte, einen Campingplatz im Norden zu suchen, um nicht in ein Unwetter zu geraten oder wieder nass zu werden.
Zuerst steuerte ich einen Campingplatz in Elblag an, doch da dieser direkt in der Stadt lag, wählte ich ein neues Ziel. Nur den Blick auf die Himmelsrichtung gerichtet, fuhr ich nach Stenda. Das ich bereits die polnische Ostseeküste ansteuerte, war mir nicht bewusst.
Für mein Garmin war es unproblematisch mich dort hinzuführen, doch von Süden kommend stand ich plötzlich vor einem Problem. Der Campingplatz lag etwas mehr als einen Kilometer in nördlicher Richtung, doch statt einer Straße lag vor mir eine Baustelle, die mal eine Straße werden soll. Ich versuchte die Baustelle über Waldwege zum umfahren, doch ich hatte keine Wahl.
Ich schätzte die Situation ein und steuerte auf den losen Sand in der Baugrube zu. Auf die bereits gepflasterten Gewege kam ich wegen der Fußgänger und wegen der hohen Bordsteinkante nicht. Die Leute schauten überaus skeptisch zu, wie ich mit meiner Straßenmaschine durch den feuchten, weichen und tiefen Sand fuhr. Ich spürte wie ich bei hastigen Bewegungen zu schlingern begann, sorgte aber immer dafür in Bewegung zu bleiben. Ich wusste das es besser war etwas schneller offroad zu fahren, also die Maschine bei langsamen Tempo instabil werden zu lassen. Ich spürte wie das Hinterrad schlingerte. Die Bandit meisterte diesen kleinen Parcour problemlos. Das war definitiv nicht ihr Untergrund.
Am Ende der Baustelle kam ich auf eine super asphaltierte 500er Straße und wurde mit dem Eingang zum Campingplatz belohnt. Ich bekam vom wichtigtuerischen Campingplatz Administrator einen Platz zugewiesen und gab mich zufrieden.
Ich hatte die dunklen Wolken und deren Zugrichtung noch im Hinterkopf und schlug sofort mein Zelt auf. Kaum war ich fertig und hatte meine Sachen verstaut fing es an zu regnen und sollte an diesem letzten Abend im Ausland nicht mehr aufhören.

Tag 19: Campingplatz Stenda (PL) – Tacho: 41432 – Position 54.341575 / 19.119276
(Tagesstrecke als KML-Datei)

Meine Nacht in Polen war etwas anstrengend, zwar habe ich relativ lange durchgeschlafen, doch irgendwie rutsche ich auf und mit meiner Isomatte immer etwas zum Fußende meines Zeltes. Der abfallende Unterboden war nicht optimal, doch der kleine Campingplatz Administrator ließ mir wenig Optionen bei der Standortwahl.
19 Tage war mein Zelt von allen groben Unreinheiten weitestgehend verschont worden, doch in meiner letzten Campingnacht holte der Regen alles nach. Der Sand spritzte vom Waldboden gegen mein Zelt und die Nässe tat beim Abbau ihr übriges. Ich war etwas verärgert, über den Dreck den ich nun mit nach Hause fahren durfte. Der Campingplatz war mit umgerechnet knapp 6,50 € der zweitgünstigste auf meiner Reise, aber für etwas Gras als Unterboden hätte ich gerne noch 2 € draufgelegt.
Nach ein wenig Katzenwäsche verließ ich ohne Frühstück den Campingplatz in Stenda an der polnischen Ostsee. Die Temperaturen lagen bei angenehmen 22 Grad. Je näher ich der Heimat kam desto weniger wollte ich noch irgendwelche Sightseeing-Touren unternehmen. Was ich bisher von Polen sah und hörte, machte mir klar das dieses Land eine völlig eigenständige Reise wert ist. Ich fuhr wie am Tag zuvor auch wieder größtenteils über kleine, schmale, hüglige und kurvige Landstraßen, durch kleine Dörfer. Die Masuren hatten mir auf diesen Straßen sehr gut gefallen und auch auf dem Weg nach Westen wurde die Landschaft nicht langweilig falch. Vor mir standen noch anstrengende Fernverkehrsstraßen und Autobahnen mit viel Verkehr, die ich erst einmal noch meiden wollte.
Nördlich meiner Route lagen Malbork (deutsch Marienburg) und Gdansk (deutsch Danzig), beides Städte die absolut sehenswert sein sollen, doch ich traute den Empfehlungen der beiden Kölner und mied die Fahrt dorthin. Als ich auf die 22 fuhr verstand ich was die beiden meinten. Die zweispurige Fernstraße wird in der Umgebung von Danzig gerade vierspurig ausgebaut.
Die kleinen gelben 500er Straßen auf meiner Route hatten mir deutlich besser gefallen. Nachdem ich jetzt durch das ganze Baltikum gefahren bin, musste ich feststellen das hier in Polen die meisten LKW’s unterwegs waren und sie teilweise die schlechtesten Hauptstraßen haben. Richtig gefallen hat mir dieser Teil meiner Strecke nicht, so dass ich zwar immer irgendwie anhalten wollte, doch den Stop auch immer wieder vor mich herschob.
Das dichte Tankstellennetz und die Garantie auf keine risikoreichen Tankautomaten mehr zu treffen, haben mich hier einmal zum Reichweitenexperiment animiert. Nach 410 km habe ich 17,3 Liter nachgetankt, was noch auf einige Reserven im Tank meiner Bandit hinwies. Sparsam war ich auf meinem Motorrad alle Male unterwegs und der Verbrauch zeigte mir deutlich, dass der Treibstoff qualitativ gleichwertig ist.
Ich nahm mir vor einen letzten Stop in Stettin einzulegen bevor ich die letzte Staatengrenze meiner Reise überquere. Neben den leichten Mädchen an den Straßenrändern fiel mir der zunehmende Verkehr und die sehr schlechten Straßenzustände auf. Die Straßenränder waren hier vollgestopft mit Werbung von Unternehmen und Geschäften die ich auch von Deutschland kenne, so dass diese Stadt ihre Chance schon nach der dritten Ampel verspielte. Einen einladenden Eindruck machte diese Stadt nicht auf mich, so dass ich umdrehte und auf direktem Weg nach Deutschland fuhr. Kurz vor der Grenze tankte ich ein letztes Mal günstig, bevor ich zu Hause wieder die Steuern an den Staat zahle.
An der Tankstelle traf ich ein schottisches Päarchen auf Motorrädern, die gerade aus Russland auf dem Weg nach Hause waren. Wir tauschten uns über Erlebnisse und Erfahrungen aus und ich gab ihnen noch ein, zwei Tipps auf den Weg welche Orte sie sich auf dem Weg nach Westen noch anschauen könnten.
Die letzten 100 km waren auf meiner Reise schnell zurückgelegt. Deutschland kenne ich zu gut, dass ich nach links oder rechts schauen wollte. All das würde ich in den kommenden Monaten und Jahren noch zur Genüge sehen.
Zu Hause angekommen war der Empfang herzlich. Nach 19 Tagen und 8543 km Strecke war ich wieder da. Der Tachostand zeigte 41953 km. Ich wäre gerne länger weg und noch weiter gefahren, doch die erste Grenze dieser Reise waren die Finanzen, so dass die zeitliche Grenze nicht in Gefahr war.

Resümee:

In vielerlei Hinsicht war diese Reise eine Premiere für mich. Nie zuvor habe ich eine solche Reise gemacht. Alle Reisen zuvor waren mit dem Auto, Flugzeug oder eher Wochenendtrips innerhalb Deutschlands. Ich fühlte mich gut vorbereitet. Im Grunde hatte ich alles was ich benötigte, wenn auch die finanziellen Mittel begrenzt waren. Unter anderem Begrenzt durch den Komplettkauf der notwendigen Ausrüstung. Ich war motiviert Zweiflern zu zeigen, dass ein solches Abenteuer nicht nur ein Hirngespinnst ist. Alles ist möglich, solange man nur den Willen hat, sich den Herausforderungen zu stellen.

Ich habe die Suzuki Bandit nicht als vollwertige Reisemaschine gesehen, sondern eher als Kompromiss zwischen sportlicher Straßenmaschine und Tourer. Mein Motorrad belehrte mich eines besseren. Sie steht immer, allen Witterungen ausgesetzt draußen und hatte bereits über 33000 km runter. Mit neuen Reifen, einer neuen Kette und eine ordentlichen Durchsicht vor Reiseantritt, lief sie die ganze Reise und über die volle Distanz absolut zuverlässig. Kein einziges Mal hatte ich Schwierigkeiten. Die kleine Bandit hatte selbst auf unbefestigten Wegen keine Probleme. Loser grober Schotter war Folter für die Michelin Pilot Road 2 und hörte sich gefährlich an, doch die Reifen weisen keine Schäden auf. Eine ein Kilometer lange Strecke durch losen, feuchten Baustellensand ähnlich Muttererde, glich einer reinen Offroadstrecke und die Bandit schlingerte, doch dieses Motorrad kann durchaus als Allroundbike bezeichnet werden und meisterte diesen Parcour ohne Sturz und ohne stecken zu bleiben.

Körperliche Anstrengungen, gegeben durch das tägliche bis zu 12 Stunden Fahren, waren für mich während der Reise nicht spürbar und ich muss zugeben, dass ich mich bezüglich der Fitness nicht vorbereitet habe und keinen Sport betreibe. Die angepasste Sitzbank war äußert hilfreich und erst nach überschreiten von 400 km am Tag, bin ich zur Kompensation manch einen Kilometen im stehen gefahren.
Meine Ausrüstung war absolut ausreichend und fast perfekt. Aus dem Speedpack von Bags Connection lief das Wasser regelrecht, wenn ich einige Zeit im Regen fuhr, doch die wasserdichten Innentaschen hielten dicht. Immer wieder waren andere Motorradreisende interessiert an dieser Gepäcklösung und ich konnte nur Gutes berichten. Mitgenommen hatte ich lediglich drei, vier Kleidungstücke zuviel, zwei Reiseführer und einen kleinen Lautsprecher zum Musikhören.

Defekte hätte ich im Grunde keine gehabt bzw. es sind nie Probleme entstanden. Wenn ich achtsamer gewesen wäre, wäre gar nichts passiert. Ich muss offensichtlich einmal einen Zurrgurt an der Tasche vergessen haben, der sich in der Motorradkette verfing. Ich hatte hier großes Glück, denn es wurden dabei lediglich die Kanülen meines Kettenölers abgerissen. Wäre ich aufmerksamer gewesen wäre das nicht passiert. Während der Reise dachte ich, ich würde Probleme mit dem Getriebe bekommen, weil die Kupplung schwergängig war, bis ich bemerkte das sich der Kleber unter dem entsprechenden Heizgriff jedesmal dann verflüssigte, wenn der Heizgriff warm wurde. Dadurch verdrehte sich der Griff und der Kupplungshebel stieß an den Heizgriff. Der letzte auffällige Defekt war eine etwa 4 cm aufgelöste Naht am oberen Reißverschluss des Speedpacks, was niemals problematisch war. All diese Defekte waren Kleinigkeiten und durch andere Ausrüstungsgegenstände kompensierbar bzw. absolut zu vernachlässigen.

Mein gewähltes Reiseziel war die Erfüllung eines Traums. Die Landschaft ist wunderschön und lädt zum Motorradfahren und wandern ein. Reist man wie ich primär mit dem Zelt und versorgt sich weitestgehend selbst, dann sind die Kosten überschaubar. Mit dem Wetter muss man sicher Glück haben. Da dies meine erste Skandinavien-Reise war, kann ich hier nur von meinem Glück berichten und nicht mit anderen Reisen vergleichen. Ich bin gut 1000 km im Regen gefahren, jedoch nie durchnässt irgendwo angekommen. Regen oder kühlere Temperaturen waren mir lieber als manchen Tags 35 Grad.
All die Reisenden und Menschen auf meiner Tour waren ungelaublich freundlich und hilfsbreit. Es fanden immer Gespräche auf Augenhöhe statt.
Die Hilfsbereitschaft die ich vor allem in Finnland erfahren durfte, hätte ich mir nie träumen lassen. Gelesen habe ich von solchen Erlebnissen, sie aber selbst zu erfahren grenzt an ein Wunder.

Ich habe acht Länder auf meiner Reise durchquert Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Polen. Ich muss am Ende sagen, dass Norwegen auf jeden Fall das Land ist, in das ich definitiv zurückkehren werde. Das Land selbst, die Atmosphäre, die Einstellung der Menschen und die unglaublichen Weiten lohnen eine Rückkehr.
Stelle ich Vergleiche aller Länder mit Deutschland an, so muss ich sagen das meine Meinung von meinem Heimatland am Ende noch schlechter geworden ist, als sie zuvor schon war. Deutschland rühmt sich mit Fortschritt, Wachstum hier, Wirtschaft dort. Dies sind nicht die Dinge, die die Menschen am Ende glücklich machen. In Norwegen habe ich kaum bis keine übergewichtigen Menschen gesehen, Werbeschilder waren quasi nie vorhanden und die Gastfreundschaft des Landes übersteigt die der Deutschen bei weitem.
Seien es die Verkehrssyteme die ich selbst in den baltischen Staaten für fortschrittlicher halte oder die Zahlungsmöglichkeiten. In allen Ländern konnte ich in jedem kleinen Laden mit EC- oder VISA-Karte bezahlen, in dieser Hinsicht ist Deutschland rückständig. Das Geschäfte im Baltikum selbst an Sonntagen bis 22 Uhr geöffnet haben, davon träumt man in Deutschland nur. Wenn ich mir die sparsame Fahrweise auf meiner Reise durch die Geschwindigkeitsbegrenzungen ins Gedächtnis rufe, dann frage ich mich, warum in Deutschland immernoch solch hohe Geschwindigkeiten erlaubt sind. Die Straßen waren in allen Ländern kaum schlechter.
Vor allem in Norwegen zeigt sich das die Natur immernoch den Vortritt vor dem Menschen hat. Das dies in Deutschland anders ist akzeptieren die meisten, doch vorzeigbar ist dies definitv nicht.

Danksagungen:

An erster Stelle muss ich hier meine gute Freundin Steffie danken, mit der ich vorrangig in Kontakt stand. Sie hat mich oft aus der Ferne mit Informationen versorgt, mir aus der Heimat berichtet und ihre Website dazu verwendet, die Informationen von meinem Abenteuer an die Daheimbebliebenen weiterzureichen.
Ich danke meiner Familie für die guten Wünsche in diversen Telefonaten und vor allem meiner kleinen Schwester die mich vor der Umsetzung meiner Routenänderung mit Informationen über das Baltikum versorgte. Die detailierte Aufstellung über die baltischen Staaten hat mir sehr viel weitergeholfen.
Ich danke ZZ und seiner Frau für die Bratwürste und das nette Gespräch auf der Hochebene im Jotunheimen Nationalpark. Ich danke dem Norwegerpäarchen John und seiner Frau für die das lange, unterhaltsame Gespräch im Hafen von Bodo und den Kaffee. Mein größter Dank an mir sehr ferne Menschen gilt aber der Milchbauern-Familie in Finnland. Elenas Idee die Nacht auf der Farm zu verbringen bescherrte mir ein unvergessliches Erlebnis in Finnland. Solche Hilfsbereitschaft und Offenheit habe ich nie zuvor erlebt.
Ich danke Rasmona der süßen Hotelangestellten in Litauen mit der ich einen unterhaltsamen Abend verbringen konnte. Trotz der Sprachschwierigkeiten haben wir uns gut verstanden, auch wenn ich ihr Kopfschmerzen mit meinen vielen Erzählungen zu all meinen Bildern bereitet habe.
Darüber hinaus danke ich noch all denjenigen Reisenden und Menschen die ich in diesen 19 Tagen traf. Ihr alle wart teil dieses Abenteuers und haben es zu dem gemacht, dass es am Ende für mich geworden ist. Die Erinnerungen an euch bleiben mir im Gedächtnis.

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